Schottergarten? Fehlanzeige!

31.08.2023 von Tom Leonhardt in Campus
Auf den ersten Blick wirken die neuen Flächen rund um die Heide-Mensa und das Hörsaalgebäude am Campusbereich Heide-Süd wie aus der Zeit gefallen: große Schotterflächen, wo einst Rasen war. Doch der Schein trügt. Hier entstehen an den Klimawandel angepasste Blühstreifen. Die Umgestaltung ist Teil größerer Arbeiten am Campus und der Bemühungen der Universität, ihre Grünflächen nachhaltiger zu gestalten.
Janna Macholdt steht an einer der künftigen Blühwiesen, auf denen derzeit noch der eigens aufgebrachte Naturschotter zu sehen ist.
Janna Macholdt steht an einer der künftigen Blühwiesen, auf denen derzeit noch der eigens aufgebrachte Naturschotter zu sehen ist. (Foto: Markus Scholz)

Um den Boden und die dort künftig wachsenden Pflanzen auf die Herausforderungen des Klimawandels vorzubereiten, braucht es Schotter. Genauer gesagt Naturschotter. Dieser liegt am Campusbereich Heide-Süd nun in großen Mengen auf den Flächen zwischen der Heidemensa und dem Hörsaalgebäude. „Es handelt sich um ein mineralisches nährstoffarmes Substrat. So werden die Flächen unattraktiv für stickstoffliebende Gräser in Monokultur, die wir hier künftig auch nicht mehr haben wollen“, erklärt die Agrarwissenschaftlerin Prof. Dr. Janna Macholdt. Die Professorin für Allgemeinen Pflanzenbau und Ökologischen Landbau ist Teil eines Uni-Projektteams aus Verwaltung und Wissenschaft, das die Grünflächen am Campus umgestaltet.

Das Ziel: Aus den monotonen Rasenflächen sollen in naher Zukunft Blühwiesen werden, die den neuen klimatischen Bedingungen aus eigener Kraft trotzen können und die nachhaltig gestaltet sind. Ohne zusätzliche Bewässerung wachsen hier künftig bis zu 70 Pflanzenarten, die vom Frühjahr bis in den Herbst blühen und so ein reichhaltiges Nahrungsangebot für Insekten bereitstellen. Dazu gehören zum Beispiel Buchweizen, Wilde Möhre und Wiesensalbei. Die Wahl fiel dabei vor allem auf regionale Arten, die mit dem heutigen und künftigen Klima zurechtkommen.

Für das ganze Vorhaben spielt der Schotter eine zentrale Rolle: Er hilft nicht nur dabei, ungewünschte und anspruchsvolle Gräser zu verdrängen. Er dient auch als verbesserter Mulch, der den Boden vor dem Austrocknen schützt. Für die künftigen Blühpflanzen entstehen so möglichst ideale Bedingungen – genügend Wasser und keine große Konkurrenz durch Gräser.

Apropos Gräser: „Der Rasen als solcher hat ausgedient, egal ob viel oder wenig gemäht wird“, sagt Macholdt. Aus ökologischer Sicht haben Rasenflächen vor allem Nachteile, wie die Forscherin erklärt. Rasen besteht aus wenigen Arten, die dazu auch kein vielfältiges und lange anhaltendes Blühangebot für Insekten darstellen. Bei Trockenheit müssen Grasflächen stark bewässert werden. Außerdem wirkt sich die maue oberirdische Artenvielfalt auch nachteilig auf die Biodiversität im Untergrund aus – im Rasenboden finden sich nur wenige Regenwürmer und unterschiedliche Mikroorganismen, wie Kleinstinsekten, Bakterien oder Pilze. „Das ist wie bei uns Menschen. Eine einseitige Ernährung mit zu viel Zucker sorgt dafür, dass unser Mikrobiom im Darm verarmt und wir häufiger krank sind. Beim Boden ist es genauso.“

Die geplanten Blühwiesen sind nur ein Teil der aktuellen Bauarbeiten. In unmittelbarer Nähe wurden ähnlich konzipierte Staudenbeete angelegt, auf denen bereits erste Pflanzen zu sehen sind. Außerdem wird das Areal insgesamt so umgestaltet, dass die bisher weit einsehbare Fläche hinter beiden Gebäuden stärker untergliedert wird. Auf der Seite des Hörsaalgebäudes entsteht ein kleiner Garten mit Kirschbäumen und Sitzgelegenheiten. Rings um die Heidemensa wurden zwei Erdhügel angelegt, auf die Hecken gepflanzt werden. Dahinter sollen noch drei Schaubeete zum Thema „Agrobiodiversität“ entstehen. Dort werden verschiedene Blühstreifenkonzepte gezeigt, wie sie auch in landwirtschaftlichen Betrieben zum Einsatz kommen könnten.

Dass sich Macholdt bei den Begrünungsarbeiten mit ihrer Expertise einbringt, liegt für sie auf der Hand: „Aus der Forschung wissen wir, wie sich Pflanzenbausysteme klimaresilient und nachhaltig gestalten lassen. Dieses Wissen können wir aber nicht nur theoretisch vermitteln oder anderen sagen, wie sie es anwenden sollten. Das muss auch hier ganz konkret bei uns passieren.“ Deshalb habe sie sich sehr gefreut, als die Bauabteilung auf sie zukam und um Rat bei der Wahl der Pflanzen bat. Die Agrarwissenschaftlerin hat sogar Ideen, wie sich die neuen Flächen in der Lehre einsetzen lassen. „Einerseits können sie als Anschauungsobjekt dienen und andererseits als Forschungsgegenstand für Abschlussarbeiten.“ Denkbar seien zum Beispiel mehrjährige Analysen der Bodenbiodiversität, zum Beispiel zur Population von Regenwürmern, der Zusammensetzung der Pflanzengesellschaften oder auch Arbeiten zum Vorkommen von Nützlingen.

Am Proteinzentrum blüht es schon.
Am Proteinzentrum blüht es schon. (Foto: Tom Leonhardt)

In den kommenden Wochen beginnt auf den Schotterflächen die Saat der Blühpflanzen. Bis es auf dem Campus dann richtig blüht, kann es jedoch noch etwas dauern. „Vermutlich sehen wir im Frühjahr schon ein wenig Grün sprießen. Komplette Blühstreifen werden wir wahrscheinlich erst in den nächsten Jahren sehen“, sagt Macholdt. Dann verdecken die Pflanzen auch den grauen Schotter nahezu komplett. Wer so lange nicht warten möchte, kann auf dem Weinberg Campus schon einmal einen Blick in die Zukunft werfen: Am Proteinzentrum wurden vor vier Jahren mehrere Beete nach einem ähnlichen Prinzip angelegt. Dort blüht und summt es heute kräftig.

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