Geradlinig und nimmermüde: Zum Tod von Alfred Schellenberger

17.09.2026 von Prof. Dr. Dr.-Ing. Gunnar Berg in Personalia
Am 9. Juni 2026 ist der Biochemiker Prof. Dr. Alfred Schellenberger im 98. Lebensjahr verstorben. Die Martin-Luther-Universität sowie die Nationale Akademie Leopoldina verlieren damit ein nimmermüdes, sehr verdienstvolles Mitglied. Ein Nachruf von Prof. Dr. Dr.-Ing. Gunnar Berg
Alfred Schellenberger als Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität, etwa 1993
Alfred Schellenberger als Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität, etwa 1993 (Foto: Universitätsarchiv Halle)

Jugend und akademische Bildung

Am 14. November 1928 wurde Hermann Alfred Schellenberger in Chemnitz als Sohn des Oberstudiendirektors Hilmar Martin Schellenberger und seiner Frau Ruth Johanna, geb. Wolf, geboren. Er war das mittlere von drei Kindern, einer sieben Jahre älteren Schwester und eines zwei Jahre jüngeren Bruders. Der Vater, ein engagierter SPD-Funktionär, wurde 1933 durch die Nazis auf der Basis des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ aus dem Schuldienst entlassen, wurde dann Geschäftsführer einer jüdischen Textilfirma, 1937 „wurde er aus dieser Stelle abermals entfernt, begleitete darauf zwei weitere Funktionen in der Industrie und wurde 1940 zur Wehrmacht eingezogen. 1945 aus der Gefangenschaft entlassen, wurde er zunächst in Chemnitz als Oberstudiendirektor wieder eingesetzt und 1947 an die TH Dresden als o. Professor für praktische Pädagogik berufen“, wie Schellenberger in einem Lebenslauf 1962 darstellt. Von dort ging er 1953 als Professor der Methodik des Mathematikunterrichts an die PH Potsdam. 

Dieses Schicksal hat die Familie stark geprägt. Das Andenken an den Vater hat Alfred Schellenberger dann in den späteren Jahren dadurch gepflegt, dass er dessen Idee, die Sprechweise der Zahlen der logischen Ziffernfolge anzupassen, nämlich die Zehner vor den Einsern zu nennen, also „vierzig acht“ (wie im Englischen) statt „achtundvierzig“, was das Kopfrechnen wesentlich erleichtert, aber auch bei der Benutzung von Computern von Vorteil wäre, in verschiedenen Publikationen propagiert hat, siehe zum Beispiel einen Beitrag in Lothar Geritzen: Zwanzigeins. Für eine unverdrehte Zahlensprechweise. Bochum 2008 – bisher aber ohne merklichen Erfolg.

Alfred Schellenberger ging in Chemnitz zur Volksschule, anschließend auf die Oberrealschule, wo er 1944 „im Rahmen der Schulausbildung“ (Lebenslauf vom 20.6.1952) zur „Heimatflak“ eingezogen wurde. Bereits in der Schule seit dem 16. Lebensjahr hatte er starkes Interesse für Chemie gezeigt, „wozu ein aus der später abgebrannten Schulbibliothek für immer entliehenes Lehrbuch der Organischen Chemie von Walter Hückel, das mir half, die stupide Freizeit während des Einsatzes als Luftwaffenhelfer zu überstehen, erheblich beigetragen hat“ (undatiertes Manuskript im Archiv der Leopoldina (LeoA), wahrscheinlich 1991 entstanden). An der Oberschule für Jungen in Chemnitz, wo er der mathematisch-naturwissenschaftlichen Abteilung angehört hatte, hat er dann schließlich im Sommer 1947 sein Abitur mit „gut“ abgelegt, wobei er bemerkenswerterweise in Chemie und Biologie die Noten „sehr gut“ bekam, in allen anderen Fächern lautete das Urteil „gut“ (Reifezeugnis).

Im gleichen Jahr begann er das Chemiestudium an der TH Dresden, wobei er nach eigenen Worten „große Begeisterung für das Verstehen molekularer Zusammenhänge“ empfand, was ihn offenbar während seiner gesamten wissenschaftlichen Laufbahn nicht losgelassen hat. Bereits in der Winterpause des ersten Semesters absolvierte er ein vierwöchiges Praktikum bei „Fettchemie und Fewa-Werke Chemnitz“, wo er die Arbeiten zur „Sulfonierung von Fettalkoholen […] zur besten Zufriedenheit erledigt“ hat. Aber offenbar orientierte er sich bereits in den ersten Semestern auch inhaltlich, denn er wechselte bereits nach dem dritten Semester an die Universität Rostock, angezogen durch den „dort lehrende[n] Organische[n] Chemiker, Wolfgang Langenbeck, dessen Lehrbuch [über organische Chemie] meinen wissenschaftlichen Vorstellungen genau entsprach“ und der „in den folgenden Jahren den entscheidenden Zugang zur Naturstoffchemie eröffnet“ hat (Manuskript LeoA). Das war einer der entscheidenden Schritte in Schellenbergers Karriere, denn es entwickelte sich eine sehr enge Bindung zwischen beiden, auch persönlicher Art, nicht zuletzt gefördert durch gleiche musische Interessen und gemeinsames Musizieren, so dass Langenbeck nicht nur zum sehr verehrten Lehrer, sondern auch zum entscheidenden Förderer der akademischen Karriere wurde.

Selbstverständlich hat Langenbeck ihm auch das Diplomarbeitsthema „Über die Verbindungen von Aminopyrimidinen mit Brenztraubensäure und deren Reaktionen“ angeboten und, als er 1951 nach Halle berufen worden war, Schellenberger als Hilfsassistent mitgenommen. Formal wurde das Diplomverfahren im Mai 1952 noch in Rostock mit der Gesamtnote „mit Auszeichnung“ abgeschlossen. Langenbeck, der ihn bei sich halten wollte, hat sofort im Juni 1952 eine Aspirantur mit dem Ziel Promotion beantragt: „Er ist […] seit September [1951] in meinem hiesigen Institut als Hilfsassistent mit bestem Erfolg tätig gewesen. Seine Diplomarbeit […] hat neben seinen sehr guten theoretischen Kenntnissen ein ausgesprochenes experimentelles Geschick erkennen lassen.“  Die FDJ-Hochschulgruppe des Chemischen Instituts unterstützte das: „Der Jugendfreund Schellenberger ist ein aufrichtiger Friedensfreund und hat seine fortschrittlich-demokratische Gesinnung durch seine publizistische Tätigkeit (er war Volkskorrespondent an der Mecklenburgischen Landeszeitung) unter Beweis gestellt.“ 

Der Antrag wird genehmigt, wobei es neben der wissenschaftlichen Arbeit auch darum gehen soll, „Verbindungen mit der Firma Jenapharm (VEB) aufzunehmen, welche seit 1952 am Aufbau einer Abteilung für die Produktion von Vitamin B1 (Vorstufe der Cocarboxylase) arbeitet. [Es soll eine] Verbindung zwischen Forschung und Produktion hergestellt werden, und gleichzeitig hoffen wir, daß wir auf diese Weise mit Ausgangsstoffen, die wir bisher aus dem Westen beziehen mußten, versorgt werden.“ („Perspektivplan“ des Aspiranten für 1952/54). Damit wird ein Problem angesprochen, die Verbindung zur Praxis, die Schellenbergers gesamtes wissenschaftliches Leben begleiten wird. Die „Wochenstundenberechnung“ kommt auf insgesamt 61 Arbeitsstunden, davon 40 Stunden im Labor! Aus den Abrechnungen für Dienstreisen ist zu entnehmen, dass damals Aspiranten und Assistenten „3. Klasse“ fahren mussten.

Langenbeck war 1952 zusätzlich zu seiner Direktorenstelle in Halle Direktor des „Instituts für Organische Katalyseforschung“ in Rostock geworden. Sein „Meisterschüler“ Schellenberger hatte nun auch die Vertretung bei allen administrativen Aufgaben im hallischen Institut zu übernehmen – eine gute Vorbereitung für spätere Aufgaben, wie er rückblickend feststellte.   

Trotzdem werden die experimentellen Arbeiten zur Dissertation „Untersuchungen zum Wirkungsmechanismus von Carboxylasemodellen in wässriger Lösung“ planmäßig im Sommer 1955 abgeschlossen, obwohl das Institut in dieser Zeit aus dem Innenstadtbereich (Mühlpforte) in das neu errichtete Chemie-Gebäude am Stadtrand (Weinberg) umgezogen ist, wobei Schellenberger „sich maßgeblich bei der Neueinrichtung der Laboratorien […] beteiligt und die dort neu eingezogenen Studenten vorbildlich betreut“ (Beurteilung Langenbecks). Das Verfahren wird im Mai 1956 mit der Gesamtnote „sehr gut“ abgeschlossen, wobei vermutlich lediglich ein „gut+“ in der Physik-Prüfung eine noch bessere Benotung verhindert hat.

Langenbeck beantragte sofort im Juni 1956 eine weitere Aspirantur mit dem Ziel der Habilitation, natürlich auch hier mit einer Stellungnahme unterstützt: „Die gesellschaftlichen Organisationen der Fachschaft Chemie berichteten uns [dem Prorektor], daß Herr Dr. Sch. kleinere Funktionen in der Gewerkschaft inne hat. Er hat sich immer loyal verhalten und ist bemüht, durch Diskussionen Unklarheiten zu beseitigen.“ –  Eine Formulierung, die in der DDR immer benutzt wurde, wenn eine an sich kritische Person wohlwollend beurteilt werden sollte. Hier hat vermutlich der Einfluss Langenbecks positiv gewirkt, noch wurde auf „bürgerliche“ Professoren Rücksicht genommen, da sie die DDR benötigte. 

Der Antrag wird genehmigt und im „Arbeitsplan 1956/57“ ist neben der wissenschaftlichen Aufgabenstellung auch festgehalten, dass „[d]urch Vorlesungen an der Außenstelle der TH Dresden, Abt. Fernstudium, (spezielle anorganische Chemie) […] die pädagogischen und didaktischen Kenntnisse erweitert werden“ sollen – natürlich ist die Vertretung des Institutsdirektors weiter erforderlich. Im Jahr 1959 versucht das Ministerium für Staatssicherheit, Schellenberger als „Inoffiziellen Mitarbeiter“ (IM) zu gewinnen. Dieser vermutet, „[m]ein persönlicher Kontakt zu Langenbeck mag [das] bewirkt haben“ (autobiographische Notizen in „Forschung unter Verdacht“, projekte-verlag 2008, S. 39). Sicher nicht unplausibel, aber der Auftrag ist offenkundig viel umfassender: „In den chemischen Instituten [der Universität Halle] ist die Zahl der IM unter den Lehrkörpern sehr gering. Zur Sicherung des Chemieprogramms als Teil d. Ökonomischen Hauptaufgabe ist es notwendig, die Aufklärung u. Abwehr auf diesem Gebiet zu verstärken.“ (Auskunft des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) vom 12.12.1991 für die Personalkommission der Universität). Schellenberger dazu im Rückblick in den „autobiographischen Notizen“ zur ersten Kontaktaufnahme durch einen MfS-Vertreter: „Panische Angst überfiel mich […]. Erst allmählich beruhigte ich mich und nahm mir schließlich vor, […] mich […] mit meinem Bruder, der als angesehener Anwalt in Leipzig eine Praxis unterhielt, in Verbindung zu setzen. […] der feste Wille entstand, […] dem Anwerbungsversuch zu widerstehen. Dabei war mir besonders hilfreich, dass mein Bruder aus seiner Praxis keinen Fall kannte, in dem die Anwerber ihre Drohungen, das Opfer in seinem beruflichen Leben zu beschädigen, in die Tat umgesetzt hätten. […]. ,Das Schlimmste, was du diesen Typen antun kannst‘, hatte mein Bruder gesagt, ,ist ihre konspirativen Aktionen aufzudecken‘.“ (S. 41f.). Schellenberger offenbarte sich dann auch Langenbeck und anderen, berichtete das selbstverständlich auch beim nächsten Treff dem Stasi-Offizier, der diese „Dekonspiration“ kritisierte, aber auch den Kontakt beendete. – Wohl dem, der eine gut informierte Vertrauensperson hat! 

Bereits Ende 1961 legte Schellenberger die Habilitationsschrift „Beiträge zur Chemie und Biochemie der Brenztraubensäure“ vor, obwohl er parallel zu deren Erarbeitung, seine Erfahrungen beim erwähnten Fernstudium der TH Dresden nutzend, für die Universität Halle ein „Fernabendstudium“ entwickelt hatte, um „für die zahlreichen aus der unmittelbaren Umgebung stammenden Bewerber eine Nutzung der Universitäts-Einrichtungen in den Abendstunden (16–22 Uhr) zu ermöglichen. Diesen Vorschlag eines kombinierten Fern- und Abendstudiums propagierte ich über die Gewerkschaft, die damit hoffen konnte, ihr relativ niedriges Ansehen in der Universitätsleitung erhöhen zu können.“ (autobiographische Notizen, S. 24) – was aber auch gleichzeitig ein Pluspunkt für Schellenbergers, des Parteilosen, Ansehen war. 

Zwar hat Professor Kurt Mothes, zu der Zeit Präsident der Leopoldina, ein Gutachten wegen „Arbeitsüberlastung“ abgelehnt, insbesondere wegen des Umfangs der Arbeit, denn „[i]n den meisten Fällen ist […] ein abnormal großer Umfang einer Dissertations- oder Habilitationsschrift unnötig, der Sache sogar abträglich und stellt eine Zumutung für den Referenten dar.“ Doch natürlich gibt es drei positive Gutachten, die „die außerordentlich fleißige, inhaltsreiche und sehr schön dargestellte Arbeit“ loben, wenngleich einer der Gutachter, auch ein insgesamt positives Urteil aussprechend, vorsichtig moniert: „Obwohl die Ergebnisse aus verschiedenen Diplomarbeiten mit einbezogen sind“ – ein heute in den Naturwissenschaften überhaupt nicht mehr wegzudenkendes Vorgehen. Im Juni 1962 wurde das Verfahren mit der Probevorlesung erfolgreich abgeschlossen und gleichzeitig die venia legendi für das Fach „Organische Chemie“ erteilt.

Langenbeck hatte schon parallel zum Verfahren eine Oberassistenz beantragt, die auch bewilligt worden war. 

Biochemie

Die Biochemie hatte in Halle bereits eine Tradition, manche führen sie bis auf Georg Ernst Stahl und Friedrich Hoffmann zurück (zum Beispiel  D. Schlee in: 20 Jahre Wissenschaftsbereich Biochemie an der Sektion Biowissenschaften. Halle 1987, S. 4). Zumindest aber Emil Abderhalden hatte in den 1920er Jahren für die hallische Physiologische Chemie/Biochemie internationalen Ruf erworben. Mit den Berufungen von Kurt Mothes (Pflanzenbiochemie im Bereich Botanik), Horst Hanson (Physiologische Chemie in der Medizin) und Wolfgang Langenbeck (Organische Chemie in der Chemie) nach 1945 war der Grundstein gelegt, die biochemische Arbeitsrichtung an der Universität Halle wieder auszubauen, wozu offenbar auch der Wille bestand, denn in einem Schreiben Langenbecks an den Dekan (17.2.1966) betonte er: „Noch während meiner Amtstätigkeit in Halle [also offenbar bereits in den 1950er Jahren!] hatten Herr Mothes und ich ja diesen Plan [die Biochemie in Halle zu fördern] ins Auge gefaßt und einen entsprechenden Antrag gestellt.“   

Nach der erfolgreichen Habilitation Schellenbergers sah Langenbeck nun die Möglichkeit, die Realisierung dieses Zieles anzugehen. Er beantragte für diesen eine Dozentur, neben den wissenschaftlichen Leistungen besonders seine „sehr gute Befähigung für den Unterricht“ betonend: „So begründete er an unserem Institut das ganz neuartige Abendstudium, für das es an anderen Universitäten keinerlei Vorbild gab. Diese Ausbildung von werktätigen Chemiearbeitern […] hat sich ausgezeichnet bewährt.“ (19.6.1962). Die Fakultät stimmte zu und der Dekan beantragte beim Staatssekretariat für das Hoch- und Fachschulwesen eine „Dozentur für organische Chemie“ (3.7.1962). Obwohl auch eine Befürwortung der Fakultätsgewerkschaftsleitung vorliegt, kommt nun Gegenwind aus der Universität. Der Prorektor für wissenschaftlichen Nachwuchs schreibt in seiner Stellungnahme (10.7.1962), es handele sich zwar um einen „begabten Nachwuchswissenschaftler“, der „auch als Parteiloser bei der Erfüllung der Aufgabenstellung, die die Partei festlegt, mitgeht und mitarbeitet“, aber „wir schlagen nach Rücksprache […] mit den gesellschaftlichen Organisationen vor, den weiteren Einsatz von Herrn Dr. Schellenberger an einer anderen Einrichtung vorzunehmen, da er hier viele langjährige persönliche Bindungen hat und für ihn ein Wechsel vorteilhaft erscheint“ – eine auch in anderen Fällen angewendete Strategie, um dem Staat missliebige Gruppierungen aufzulösen. In diesem Sinn schreibt dann auch ein Prorektor in Vertretung des Rektors an das Staatssekretariat (11.7.1962), dass vorgeschlagen wird, „mit der gleichzeitigen Ernennung die Berufung des Herrn Dr. Schellenberger an eine andere Einrichtung des Hochschulwesens vorzunehmen“ – und es geschieht erst einmal nichts. Doch die Fakultät – man kann annehmen, durch Langenbeck und Mothes immer wieder angeregt – lässt nicht locker und hat schließlich Erfolg. Etwa eineinhalb Jahre später schreibt der Rektor an das Staatssekretariat: „Nach nochmaliger gründlicher Überprüfung des vorliegenden Antrages sind die staatliche Leitung und die gesellschaftlichen Organisationen der Meinung, man sollte den Vorschlag des Rates der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät realisieren.“ Es kommt mit Wirkung vom 1.2.1964 zur Berufung.

Parallel setzte Mothes die Bemühungen fort, ein Institut für Biochemie an der Universität zu errichten, wobei er betonte, es „bestehen zwischen allen an der Biochemie interessierten Arbeitsgruppen der Universität Halle die besten Verhältnisse bezüglich der Zusammenarbeit. Das gilt sowohl für das Institut für Physiologische Chemie von Professor Hanson als auch für das Institut für Organische Chemie [Prof. Langenbeck/ Doz. Schellenberger].“ (Brief an Staatssekretär vom 23.6.1964). Und selbstverständlich betonte er in diesem Schreiben die Bedeutung dieser Arbeitsrichtung für die Industrie, wenn es auch „einige Chemiker [gibt], die der Meinung sind, daß die Biochemie für die Industrie völlig uninteressant ist. Das ist z. B. die Auffassung unseres halleschen Technologen Professor Wolf [1965–1971 Rektor der Universität], dem die Entwicklung in der SU [Sowjetunion] ebenso wie in den westlichen Ländern offenbar weitgehend unbekannt ist.“ Langenbeck betrieb mittlerweile die Berufung Schellenbergers zum Professor und es gelang offensichtlich, auch die Fakultät zu überzeugen, denn am 15.2.1966 schreibt Dekan Prof. Rudolf Hohl an Langenbeck, dass die Fakultät beschlossen habe, eine Professur für Schellenberger zu beantragen und „[i]m Rahmen der Profilierung […] ein Institut für Biochemie zu errichten“. Er bitte deshalb um ein Gutachten für Schellenberger, „aus dem neben seiner fachlichen Qualifikation, wenn möglich, auch seine pädagogischen, erzieherischen und gesellschaftlich-politischen Leistungen hervorgehen, wie das jetzt gefordert wird[!].“ Dieses folgt selbstverständlich umgehend (17.2.1966) und neben der großen internationalen Anerkennung der wissenschaftlichen Ergebnisse auf dem Gebiet der Enzymchemie wird „die Begründung und die Leitung des Fernabendstudiums […] ohne jedes Vorbild“ hervorgehoben, was wegen der Bedeutung für die „Werktätigen der mitteldeutschen chemischen Industrie […] auch ein großer politischer Erfolg“ sei.

Und offenbar war nun auch der mittlerweile Rektor gewordene Technische Chemiker Friedrich Wolf von der Bedeutung der Biochemie überzeugt worden, denn er begründete die nun von ihm beantragte Neugründung eines Instituts für Biochemie unter anderem mit „einem hohen ökonomischen Nutzwert, wie z. B. biochemische Synthesen in der Nahrungsmittelindustrie“. Als einer der Abteilungsleiter wird Schellenberger vorgeschlagen (14.3.1966). Und am 14.12.1966 kann er Mothes mit „außerordentlicher Freude“ mitteilen, „daß entschieden wurde […], ein Institut für Biochemie in Halle zu errichten“, womit „unsere gemeinsamen Bemühungen zum Erfolg geführt“ haben. Und Schellenberger wird tatsächlich zum 1.2.1967 „Professor mit Lehrauftrag für Allgemeine Biochemie“, Leiter der Chemischen Abteilung des Instituts für Biochemie und ab 1969 ordentlicher Professor für dieses Gebiet. Gemeinsam mit Horst Reinbothe, Mothes-Schüler und Leiter der Biologischen Abteilung ebendieses Instituts, entwickelte er ohne Vorbild einen Studiengang für Biochemie, wobei Reinbothe „[g]lücklicherweise […] als Biologe das notwendige Verständnis [zeigte], um der dominierenden Rolle der Chemie in der Grundausbildung vorbehaltlos zustimmen zu können“ (Manuskript LeoA, S. 13).  Bereits 1967 konnte mit diesem Studium begonnen werden (20 Jahre WB Biochemie, Halle 1987).   

Mit der 3. Hochschulreform, der Liquidierung der Institute und der Einführung von Sektionen, untergliedert in Wissenschaftsbereiche (WB), wird 1969 der WB „Biochemie“ gegründet, seit 1975 mit den Abteilungen „Pflanzenbiochemie“ (Reinbothe), „Enzymologie“ (Schellenberger) und „Wirkstoffbiochemie“ (Barth), deren Leiter alternierend den WB leiten (ebd.). Schellenberger gelang mit seiner Gruppe bei der „Untersuchung des Einflusses von Oberflächenstrukturen auf die Stabilität und Aktivität von Kohlenhydrat-spaltenden Enzymen […] der Nachweis von zwei kinetisch unterscheidbaren, definierten Enzympopulationen auf natürlichen und artifiziellen Polymeren. Die molekulare Charakterisierung dieser Spezies als faltungsbedingte Populationen“ brachte internationale Anerkennung (G. Fischer, Leopoldina-Jahrbuch 2008, S. 198ff.). Begleitet ist das ständig von Industrieforschung, so dass ihm am 3.5.1979 der damalige Sektionsdirektor in einer Beurteilung bescheinigen kann: „Prof. Schellenberger hat mit seinen Mitarbeitern sowie einer Industrieforschungsstelle des Wirtschaftsrates des Bezirkes Halle auf der Strecke der Überführung von Forschungsergebnissen in die sozialistische Praxis speziell – in der Produktion – Hervorragendes geleistet. […] erstmals in der DDR eine moderne Technologie zur industriellen Enzymproduktion bis zum halbtechnischen Maßstab vorangetrieben.“ 

Nur am Rande sei erwähnt, dass Schellenberger, mittlerweile Mitglied der Leopoldina, wieder in den Fokus des MfS geraten war, dieses Mal allerdings als Betroffener einer OPK (operative Personenkontrolle) vom 30.1.1973 bis zum 6.1.1976, weil er „eine negative Grundeinstellung zur Partei und Regierung der DDR“ habe und weil er „zum reaktionären Kern der ,Leopoldina‘“ gehöre (Auskunft BStU vom 12.12.1991).

Biotechnologie

Nicht zuletzt Schellenbergers Industrieaktivitäten dürfte es zu verdanken sein, dass, als in der DDR auch offiziell langsam die Bedeutung der Biochemie erkannt und die daraus abgeleitete Biotechnologie als Schlüsseltechnologie deklariert wurde (Ministerratsbeschluss vom 28.10.1982), die Universität Halle mit Ministerratsbeschluss vom 29.6.1984 als Standort für ein zukünftiges „Biotechnikum“ festgelegt worden ist. Bereits vorbereitend werden ein „Aufbaustab“, ein „Baustab“ und ein „wissenschaftlicher Stab“ (später „Rat für Biotechnologie“) für das Biotechnikum eingerichtet; Ende 1983 wird Schellenberger vom Rektor zum Leiter des Letztgenannten ernannt. Es dürfte nicht überraschend sein, dass nun auch das MfS wieder tätig wird, OPK vom 7.8.1984 bis zum 28.5.1985, denn „Sch. ist Leiter eines Aufbaustabes mit negativen Einstellungen“ (Auskunft BStU vom 12.12.1991) geworden, wobei sich „negative Einstellungen“ wohl nicht auf den Stab als Ganzes beziehen. Parallel dazu wird er aber trotzdem im Oktober 1984 als „Held der Arbeit“ ausgezeichnet, sicher als Motivationsschub gedacht, denn naturgemäß war zu erwarten, dass die wissenschaftliche Arbeit unter der neuen Aufgabe leiden wird – ein Beispiel für die Ambivalenzen im DDR-Alltag. 

Im „Maßnahmeplan zum Beschluß über die Vorbereitung des Aufbaus eines Biotechnikums“ an der Universität vom 4.9.1984 heißt es unter „1. Aufgaben der politisch-ideologischen und wissenschaftlichen Führung: Gemäß Beschluss des Sekretariats der Bezirksleitung der SED Halle ist für die Entwicklung der Biotechnologie […] ein Parteistab zu bilden und eine Parteiaktivtagung vorzubereiten“ und es solle einen „Führungsstab“ geben. „Ihm gehören an

  • Sekretär der Universitätsparteileitung
  • 1. Prorektor [dieser hatte an den DDR-Hochschulen die Funktion eines Kanzlers, hatte also die gesamte Verwaltung unter sich, hatte aber auch die Einhaltung aller ideologischen Vorgaben zu überwachen]
  • Prorektor für Naturwissenschaften
  • Prorektor für Erziehung und Ausbildung
    [usw., auch]
  • Vorsitzender des Rates für Biotechnologie“, 

also Schellenberger. Man kann sich vorstellen, wie dieser sich in diesem „illustren“ Kreis gefühlt hat. 

Sollten Schellenberger – und besonders seine Kollegen – zu dieser Zeit noch angenommen haben, dass er nach erfolgreichem Aufbau auch die Leitung des Biotechnikums übertragen bekommen würde, so hat er mit seiner aus dem Jahre 2008 und nach Kenntnis seiner Stasi-Akten rückblickenden Vermutung, dass „ein sog. ,Nomenklaturkader‘ [von der SED besonders kontrolliertes Führungspersonal] sehr wahrscheinlich von Anfang an für die Leitung des Biotechnikums vorgesehen“ war (autobiografische Notizen, S. 78), vollständig Recht, denn bereits unmittelbar nach dem erwähnten Maßnahmeplan heißt es in einer „Berichterstattung zu Kaderproblemen“ (29.10.1984): „Der Leiter des Biotechnikums ist bisher noch nicht benannt worden […]. Dieser Leiter ist Nomenklaturkader des Ministers und muss von diesem auch bestätigt werden.“ Rektor Werner Isbaner wendet sich an Minister Hans-Joachim Böhme (5.11.1984) und bittet um Unterstützung „für die Umberufung des Genossen Prof. Dr. [Rolf] Schulze, Rektor der IHS [Ingenieurhochschule] Köthen“, Fachgebiet Bioingenieurtechnik, gleichzeitig Mitglied der Bezirksparteileitung und damit natürlich ein Nomenklaturkader. Bereits zum 1.5.1985 kann der Rektor dem „Führungsstab“ diesen als „neuen Direktor des Biotechnikums“ vorstellen. 

Wahrscheinlich war es für Schellenberger, wenn auch zunächst düpierend, letzten Endes angesichts der sich im Laufe der Zeit aufhäufenden DDR-typischen Schwierigkeiten beim Bau und bei der Ausstattung (Mangel an Material und Baukapazitäten, dadurch bedingte Terminverzögerungen; unzureichende Gerätelieferungen) sowie bei der Akquirierung von Planstellen (die mangels anderer Möglichkeiten aus dem Bestand der Universität kommen mussten!) doch entlastend, konnte er sich dann doch solche Schreiben wie zum Beispiel am 14.7.1987 vom Minister an den Rektor ersparen, wo im Kommandoton festgelegt wurde: „Der von Ihnen vertretenen Position, den durch den Ministerrat der DDR beschlossenen Fertigstellungstermin zu verändern, stimme ich nicht zu. Sie haben zu veranlassen, daß die festgelegten Termine voll erfüllt werden. […] Jeglichem Versöhnlertum bei Durchsetzung der Aufgaben ist strikt entgegenzuwirken.“ 

Schellenberger versuchte, soweit er es beeinflussen konnte, die wissenschaftliche Ausrichtung des Vorhabens zu beeinflussen, aus den eigentlich administrativen Aufgaben wurde er nach und nach gedrängt, wie die Unterlagen ergeben. Am 22.1.1986 teilte Rektor Isbaner dem nunmehrigen Leiter des Biotechnikums, Rolf Schulze, mit: „Die offizielle Gründung des Biotechnikums der MLU ist für Anfang März vorzusehen. Im Zusammenhang damit ist der Rat für Biotechnologie [Leiter: Schellenberger] als Rat des Biotechnikums und gleichzeitig als Beratungsgremium des Rektors weiter zu profilieren“ (Aktennotiz vom 27. 1. 86), das hieß also, Schulze zu unterstellen.   

Leopoldina

Ende der 1960er / Anfang der 1970er Jahre macht man sich im Präsidium der Leopoldina Gedanken über mögliche Zuwahlen im Bereich Biochemie. In dem Zusammenhang schreibt zum Beispiel Generalsekretär Horst Hanson an Präsident Mothes: „Für mich liegt die Schwere der Entscheidung in dem Bewußtsein, daß wir jetzt gerade durch die Zuwahl aus dem hiesigen Bereich dazu beitragen, wie die Weichen der Akademie in fünf oder zehn Jahren gestellt werden. Fehlentscheidungen können verhängnisvolle Folgen für die Erhaltung der Unabhängigkeit und inneren Freiheit die Akademie haben. […] Wir müssen je nach der Situation flexibel und anpassungsfähig bleiben, aber nur bis zu dem Punkt, an dem das Selbstaufgeben beginnt.“ (26.3.1970).

Nach vielfältigen Erkundigungen stellt dann Hanson den Aufnahmeantrag: „Neben seinen Schwerpunktarbeiten über das α-Ketosäuren dekarboxylierende Enzymsystem hat sich Sch. […] immer wieder […] mit der Theorie der α-Ketosäuren und allgemein mit der Bestimmung struktureller Veränderungen an Enzymen beschäftigt. […] Schließlich befasst er sich in jüngster Zeit aus ernährungswirtschaftlichen Gründen […] mit der ernährungsphysiologischen
Bedeutung von Nicht-Protein Stickstoffverbindungen wie Acetylharnstoff als Futtermittelzusatz in der Tierernährung.“  Dazu wird festgehalten, dass seine „Grundhaltung durch Kollegialität und Anständigkeit bestimmt wird“ (21.7.1970). Die Gutachter unterstützen das, so zum Beispiel Adolf Butenandt: „Saubere Durchführung und fesselnde Darstellung lassen Schellenberger als einen Biochemiker von Format erscheinen. Dabei bleibt er nicht im Phaenomenologischen stecken, sondern kommt durch fundierte theoretische Betrachtungen zu einer einleuchtenden Interpretation der chemischen Mechanismen.“ (18.8.1970). Es kommt zur Zuwahl, die ihm Präsident Mothes am 5. Oktober 1970 mitteilt (als offizieller Termin ist in der Matrikel 23.10.1970 eingetragen).

Er wird dann auch in der Leopoldina sehr schnell aktiv, übernimmt Funktionen, nutzt aber auch die Möglichkeiten, zum Beispiel über die Akademie wissenschaftliche Gäste einzuladen, „da eine Einladung über die Universität in der Regel langfristig und verdrießlich ist“ (19.7.77; betr. Einladung von Ernst Helmreich, Würzburg).  

Er wird 1984 zum Adjunkten der naturwissenschaftlichen Abteilung (Adjunktenkreis Halle–Magdeburg) gewählt und damit Mitglied des Senats, nimmt in dieser Eigenschaft auch an den monatlichen Präsidiumssitzungen teil. Weiterhin wurde er als Sekretar gewählt. Präsident Bethge erreichte, dass er als Mitglied des Kuratoriums zur Verleihung des „Europäischen Wissenschaftspreises (Körber-Preis)“ von 1986 bis 1989 regelmäßig zu den Sitzungen nach Hamburg ausreisen konnte, dabei bereits wertvolle Erfahrungen zum westlichen Wissenschaftssystem sammelnd. Bald darauf, 1990, wurde er zum Vizepräsidenten für die Naturwissenschaften gewählt, die laut Satzung zulässigen zwei Wahlperioden bis 2000 ausfüllend, damit gerade in einer für die Akademie wichtigen Periode Verantwortung übernehmend, nämlich die Akademie-Strukturen den neuen Gegebenheiten anzupassen. Und Schellenberger wäre nicht Schellenberger, wenn er nicht auch hier mit voller Kraft weit mehr als das Erwartete geleistet hätte. 

Als 1991 das Leopoldina-Stipendiaten-Programm zur Förderung junger Wissenschaftler eingerichtet wurde, zunächst zur Finanzierung von Gastaufenthalten aus den neuen Bundesländern stammender Kandidaten in führenden Laboratorien des jeweiligen Faches, später auf Bewerber aus ganz Deutschland ausgedehnt, war es keine Überraschung, dass Schellenberger zunächst als Vizepräsident und dann als „Beauftragter des Präsidiums“ bis Mai 2003 die zeitaufwendige Arbeit in der Auswahlkommission mitverantwortlich übernahm.  

Selbstverständlich hielt er Vorträge, zum Beispiel eine Mothes-Gedenkvorlesung, und veranstaltete, teilweise verantwortlich, Symposien und Meetings. Ebenso selbstverständlich war er an den Vorbereitungen der Jahresversammlungen beteiligt. Präsident Benno Parthier würdigte im Jahr 1998 anlässlich der Verleihung der Verdienstmedaille der Leopoldina („für seine Verdienste um die Weiterentwicklung der Leopoldina“) Schellenbergers Leistungen für ebendieselbe: „Sie waren […] immer ein wacher, kritischer und lebhafter Geist im Präsidium, ideengebend und machbarkeitsrealistisch zugleich. Sie waren und sind eines der Schwungräder im Getriebe der Akademie, ausgezeichnet durch Einsatzbereitschaft und Kollegialität, Redlichkeit und Sensibilität. In der Rolle des aufgeklärten Skeptikers spielen Sie einen wichtigen Part […].“ (Jahrbuch Leopoldina 1998, S. 240). Nicht zuletzt bezog sich das auf die Diskussionen um die Erweiterung der Leopoldina durch die Einrichtung geistes- und sozialwissenschaftlicher Sektionen und der Ergänzung des Senats durch externe Mitglieder sowie auf die erstmals aufkommende Diskussion um den Status einer nationalen Akademie, der zu dieser Zeit aber vom Senat abgelehnt worden war. Das kommt auch in Parthiers Dank an Schellenberger anlässlich seiner zehn Jahre Vizepräsidentschaft zum Ausdruck: „In diese Zeitspanne unseres gemeinsamen Wirkens fällt auch die fachliche Erweiterung in den Strukturen […], wie wir wissen, nicht ohne kritische Begleitung. Dieser Schritt vor allem – und die Senatssitzung ließ es schon erahnen – wird die Leopoldina stärker verändern als je zuvor in ihrer Geschichte. Erst später wird man feststellen können, ob der Schritt gut oder ob er schlecht war. Notwendig aber war er gewiß.“ (Manuskript LeoA, 1.5.2000).  

Hochschulerneuerung

Natürlich war es nun nicht verwunderlich, dass sich Schellenberger im Laufe der Friedlichen Revolution 1989/90 und in der Folge, wenn auch schon das Ende seiner beruflichen Tätigkeit abzusehen war – schließlich befand er sich schon im sechsten Lebensjahrzehnt, wo die meisten den Ruhestand vorbereiten –, mit aller Kraft dem Neuaufbau der Universität widmete, selbstverständlich dabei immer die Biochemie im Fokus. Es war keine Frage, dass er 1990 zum Direktor des neugegründeten Biochemischen Instituts gewählt und ebenfalls 1990 als einer der Ersten zum C4-Professor nach neuem Recht, in seinem Fall für „Allgemeine Biochemie“, berufen worden war. Ganz wesentlich seiner Initiative und seinen wissenschaftlichen Verdiensten war es zu verdanken, dass im Zuge der Hochschulstrukturierung ein Fachbereich Biochemie/Biotechnologie gegründet und in dem für das Biotechnikum errichteten Gebäude – nun mit wissenschaftlicher Zielsetzung – neu eingerichtet wurde. Selbstverständlich wurde er dessen Sprecher. Darüber hinaus wurde er 1992 bis zu seiner Emeritierung zum Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät gewählt.

Doch die Universität konnte und wollte beim Neuaufbau nicht auf seine weitere Mitwirkung verzichten. Sie erreichte beim Minister die zweimalige Verlängerung seines Dienstverhältnisses bis zum Ende des Wintersemesters 1995/1996, um zum einen die „Arbeitsgruppe zur Erarbeitung von Vorschlägen zur Strukturierung der technischen Bereiche der Universität und zur Zusammenarbeit mit der Universität Magdeburg“ zu leiten. Durch die Übernahme von Verfahrens- und Werkstofftechnik der TH Merseburg, die im Übrigen zu einer Fachhochschule umstrukturiert wurde, hatte die Universität Halle erstmals auch technische Bereiche und geriet damit in eine gewisse Konkurrenz zur ehemaligen TU Magdeburg, die durch Zuwächse zur Universität Magdeburg geworden war. Es sollte dafür ein „[f]achlich anerkannter Wissenschaftler, der auch moderierend wirken kann, was wegen divergierender Interessen bei den Verhandlungen notwendig ist“ (2.6.1995, Rektor an Kultusminister Reck), gewonnen werden – und Schellenberger erschien dabei als der Geeignetste, wie es dann auch das Ergebnis gezeigt hat. 

Zum anderen war er auf Bitte des Rektorats bereit, den Vorsitz des Vorstandes der Stiftung „Leucorea“ in Wittenberg zu übernehmen. Diese war 1994 in dem noch existierenden Gebäudekomplex der alten Wittenberger Universität gegründet worden und befand sich in der Aufbauphase. Als der Vorsitz im März 1995 vakant wurde, übernahm ihn Schellenberger bis November 1996, in einer Phase, in der sich das Stiftungsgelände noch in einem katastrophalen Zustand befand. Gemeinsam mit der Geschäftsführerin Christine Grabbe gelang die Restaurierung, bereits im April 1996 konnte in einer Festsitzung des Akademischen Senats der Nordflügel eingeweiht werden. Seitdem unterstützt die Stiftung gemäß ihrer Satzung „die Pflege und Entwicklung der Wissenschaften in Forschung, Lehre und Studium an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg“ – ein Erfolg der von Schellenberger engagiert betriebenen Aufbauphase.

Als die „Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ)“ beschlossen hatte, ihre 122. Versammlung anlässlich des Universitätsjubiläums 2002 in Halle stattfinden zu lassen, war Schellenberger sofort bereit, die wissenschaftliche Geschäftsführung zu übernehmen. Mit seiner Hilfe gelang es, den Chef des Dow Chemical Olefinverbundes, Bart Groot, als wirtschaftlichen Geschäftsführer und durch diesen die Firma für eine äußerst großzügige Spende zur Finanzierung der Tagung zu gewinnen. 

Der Mensch

Das Bild Alfred Schellenbergers wäre unvollständig, würde nicht auch auf seine menschlichen Qualitäten und musischen Fähigkeiten eingegangen werden. Sein Leben war geprägt von Empathie und Kollegialität, wie viele ihm Nahestehende versichern. Er war bemüht, soweit es seine Möglichkeiten zuließen, auch Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die nicht immer konform den ideologischen Vorgaben folgten, zu fördern und zu unterstützen, nicht immer erfolgreich, aber zumindest damit diesen moralisch beistehend. Die geschilderte Bemühung, das durch Herauslösen aus seiner Gruppe zu unterbinden, zeigt, dass das durchaus auch offiziell so gesehen wurde. Es ist sein Verdienst – und natürlich das Glück, noch die Friedliche Revolution erlebt zu haben –, dass es trotzdem gelang, dass viele der von ihm so Unterstützten erfolgreich ihren wissenschaftlichen Weg gehen konnten. 

Schellenberger musizierte begeistert, dass das auch die persönlichen Beziehungen zu Langenbeck befördert hatte, war bereits erwähnt worden. Darüber hinaus konnte er sich „als Gründer eines ,Akademischen Streichquartetts‘ durch unzählige musikalische ,Umrahmungen‘ von Universitätsfeierlichkeiten eine gewisse Anerkennung bei den höheren Instanzen der Universität (in erster Linie Rektor, Partei- und Gewerkschaftsleitung)“ erwerben (autobiographische Notizen 2008, S. 20f.), was ihm auf das Konto „gesellschaftliche Arbeit“ angerechnet werden konnte.

Doch er hatte auch über die Wissenschaft hinaus literarische Ambitionen. Möglicherweise deuteten seine Aktivitäten als Student mit gelegentlichen Beiträgen bei der „Mecklenburgischen Landeszeitung“ bereits darauf hin, doch offenbar fand er erst im Ruhestand ausreichend Zeit, sich intensiver damit zu beschäftigen – zumindest erst dann mit den Ergebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen. Er sah zunehmend die Entwicklung in der Welt kritisch, dabei auch die Folgen der Wissenschaft einschließend. Als geeignete Form, seine Gedanken auszudrücken, erschien ihm der Dialog – möglicherweise angeregt durch seine wissenschaftliche Tätigkeit, wo ja häufig die interessantesten Anregungen im Gespräch entstehen.  

Ein die Erfahrungen aus der DDR-Zeit verarbeitendes Drama über die Entwicklung der Wissenschaft endet mit den Fragen: „Ob dieser Weg in das dritte Jahrtausend der Menschheit eine sorgenfreie Zukunft beschert? Oder werden, wenn alle Schwachen besiegt sind, die Starken sich schließlich gegeneinander kehren, der Welt den Weg frei machen für einen neuen Anbeginn?“ (… nicht mehr zu schweigen. EVOLUTION. Halle: projekte verlag 2003, S. 102 f.). Und der anschließende Dialog über die Evolution, Goethes Prolog im Himmel nachempfunden, mit den beiden Protagonisten Erzengel Gabriel, „moderne, sympathische Frau mittleren Alters“, und dem das Böse verkörpernden Erzengel mit dem bezeichnenden Namen Satanael, endet mit der sarkastischen Feststellung des Letztgenannten: „Im Übrigen ist kaum zu befürchten, dass die Menschheit aus ihren Fehlern jemals etwas zu lernen bereit wäre.“ (S. 226).

Die Fortsetzung findet sich in „Streit der Engel“ (Halle: mdv 2015), jetzt in Prosa, in der aber auch das Gespräch dominiert, wo Satanael, für die Evolution verantwortlich, sein Tun vor Gott dem Herrn, der das Geschehen auf der Erde verfolgt, verteidigt, aber letztlich deutlich wird, dass das Ergebnis dieses Prozesses zum einen „egozentrische Materialisten“, zum anderen Menschen mit „bedingungslosem Streben nach Ruhm und Anerkennung“ sind (S. 149).

Doch natürlich kann man all dies als Figurenreden im Sinne der Literaturwissenschaft lesen, dagegen dürften seine Gedichte unzweifelhaft die eigene Meinung ausdrücken – und dann wird es doch etwas optimistischer, wenn es in der letzten Strophe des Gedichts „Evolution“ heißt: 

„Göttlicher Hauch half die Menschen erfinden,
gab ihnen Geist, in ihr Werden zu sehn.
Wenn ihre Herzen in Liebe sich binden
wird auch in Zukunft ihr Licht nicht verwehn.“
(Spiegelungen. Lyrische Experimente. Halle: mdv 2016, S. 28)

Alfred Schellenberger verlebte seinen Ruhestand in Potsdam, wohin ihn familiäre Bande gezogen hatten, in einer „landschaftlich und architektonisch traumhafte[n] Kulisse, die sich […] beim Blick aus [dem] Fenster im 7. Stock bietet“, wie er der Akademie geschrieben hat. Allerdings bedeutete das, auf „musikalisch-kulturellem Gebiet einiges vermissen“ zu müssen, doch hat er versucht, das durch Berlin-Besuche auszugleichen. 

Alfred Schellenberger ist seinen Weg gegangen, so geradlinig, wie es die Umstände zuließen, dabei auch manchen Nachteil in Kauf nehmend, weil er die selbstgesteckten Grenzen keinesfalls überschreiten wollte – und das auch nicht getan hat. Und so, wie er gelebt hat, wollte er auch sterben, weitestgehend selbstbestimmt. Nach einer Lungenentzündung, deren Folge zu ständiger Bettlägerigkeit geführt hätte, hat er das Datum seines Todes festgelegt und ist diesen letzten Weg liebevoll begleitet von seinen Angehörigen gegangen. Die Nationale Akademie Leopoldina und die Universität Halle werden ihm ein ehrendes Angedenken bewahren. 

Danksagung

Dem Leiter des Universitätsarchivs, Herrn Prof. Dr. Dirk Schaal, sei für die Erlaubnis gedankt, so kurzfristig die Unterlagen des Archivs nutzen zu können, seinen beiden Mitarbeiterinnen, Frau Annika Bechmann und Frau Tabea Janssen, für die Bereitstellung des umfangreichen Materials. Ebenso wird dem Leiter des Leopoldina-Archivs, Herrn Dr. Danny Weber, sowie dort Frau Julia Hamelmann und Herrn Toni Klisch für die stete bereitwillige Unterstützung gedankt. 

Der Autor Prof. Dr. Dr.-Ing. Gunnar Berg ist Physiker und war von 1992 bis 1996 Rektor der Martin-Luther-Universität und von 2010 bis 2020 Vize-Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

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