Aufklärung, Macht und Wahrheit

01.04.2025 von Matthias Münch in Wissenschaft, Forschung
Wie prägt Politik die Aufklärung – und wie Aufklärung die Politik? Mit diesem Spannungsverhältnis beschäftigt sich ein neues Graduiertenkolleg (GRK), das vom Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der europäischen Aufklärung (IZEA) koordiniert wird. Fünf Millionen Euro stellt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) für die erste Phase zur Verfügung.
Elisabeth Décultot ist Sprecherin des neuen Graduiertenkollegs „Politik der Aufklärung“.
Elisabeth Décultot ist Sprecherin des neuen Graduiertenkollegs „Politik der Aufklärung“. (Foto: Heiko Rebsch)

Bereits am ersten Tag seiner zweiten Amtszeit unterzeichnete US-Präsident Donald Trump mehrere weitreichende Dekrete. Er will durch-setzen, dass die USA aus dem Pariser Klimaabkommen austreten und ihre Mitgliedschaft in der Weltgesundheitsorganisation WHO beenden. Auch eine Informationsseite der Vorgängerregierung zum Thema Abtreibung hat der neue Präsident vom Netz nehmen lassen. „Bei seinen politischen Gegnern gilt Trump als Vertreter der Anti-Aufklärung“, sagt Prof. Dr. Elisabeth Décultot. „Seine jüngsten Entscheidungen deuten jedenfalls nicht darauf hin, dass er dieses Bild revidieren will.“

Elisabeth Décultot ist Professorin für Neuzeitliche Schriftkultur und europäischen Wissenstransfer an der MLU und Direktorin des IZEA. „Wer von europäischer Aufklärung spricht, denkt zumeist an Hume, Kant, Rousseau oder Voltaire“, sagt sie. „Selbstverständlich beschäftigen wir uns mit diesen philosophischen Klassikern, zumal Halle als Wiege der Frühaufklärung der ideale Standort dafür ist. Aber unser Forschungsansatz ist viel weiter gefasst und nimmt das Verhältnis von Aufklärung und Politik in den Blick – nicht nur vergangener Epochen, sondern explizit auch der Gegenwart.“

Was beispielsweise meinen Politiker, wenn sie sich auf die Ideale der Aufklärung berufen? Angela Merkel hat 2021 im Bundestag erklärt, sie glaube an die „Kraft der Aufklärung“. Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron beschwört immer wieder, den „Geist der Aufklärung“ zu verteidigen. „Die kritische Wissenschaft muss natürlich hinterfragen, welche Deutung des Aufklärungsbegriffs diesen politischen Statements zugrunde liegt“, sagt Décultot. Der Blick in die Vergangenheit zeige, dass sich diese Deutung wandelt und häufig interessengeleitet ist. Kritische Stimmen sehen die Philosophie der Aufklärung gar als Produkt eines Eurozentrismus, der den Kolonialismus und Rassismus des Westens begünstigt hat.

Elisabeth Décultot schaut in einen Band der Encyclopédie von Denis Diderot und Jean Baptiste le Rond d‘Alembert.
Elisabeth Décultot schaut in einen Band der Encyclopédie von Denis Diderot und Jean Baptiste le Rond d‘Alembert. (Foto: Heiko Rebsch)

Solchen Fragen widmet sich auch das neue Graduiertenkolleg „Politik der Aufklärung“, das von der DFG in der ersten Phase mit fünf Millionen Euro finanziert wird. Das Kolleg bündelt 18 Promotionsvorhaben, die sich mit der Geschichte der Aufklärung und ihrem Verhältnis zur Politik beschäftigen. Die Forschung im Kolleg ist breit angelegt und erstreckt sich auf Literaturwissenschaft, Germanistik, Komparatistik, Anglistik, Politikwissenschaft, Philosophie und Geschichte. Die MLU und das IZEA bieten für das anspruchsvolle Programm ein exzellentes Umfeld: Die Forschung zur Aufklärung am IZEA hat eine lange Tradition und ist international hoch angesehen. „Uns ist es gelungen, Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler mit großem Potenzial zu gewinnen. Sie stammen unter anderem aus den USA, China, Marokko und der Schweiz, was den internationalen Charakter des Kollegs eindrucksvoll unterstreicht“, erklärt Décultot.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde das Verhältnis der Aufklärung zu Europa und zur außereuropäischen Welt in der Forschung kontrovers diskutiert: Ist Aufklärung ausschließlich ein europäisches oder gar ein eurozentrisches Phänomen? Auch damit werden sich einige Projekte im Kolleg befassen, beispielsweise mit einem Blick nach China. „Als Aufklärung wird dort eine Bewegung bezeichnet, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt“, sagt Décultot. „Die genealogische Beziehung dieser Bewegung zur chinesischen und zur älteren europäischen Tradition wird kontrovers diskutiert. Es wird also spannend, hier Beziehungen, Abgrenzungen und Parallelen aufzudecken.“

Das Kolleg untersucht auch, inwieweit soziale Medien zur Aufklärung in arabischen Ländern beitragen und wie es den politisch Mächtigen gelingt, die Verbreitung von Information und Wissen zu kontrollieren. Elisabeth Décultot: „Einschränkungen oder gar Verbote werden langfristig keinen Erfolg haben. Zugleich erfordert ein freier Zugang zu Informationen, die Menschen umfassend zu bilden und mit der Kompetenz auszustatten, Manipulation zu durchschauen und Meinungen von Wahrheit zu unterscheiden.“ Hierzu soll das GRK mit seinen Forschungsarbeiten auch einen Beitrag leisten.

Das IZEA

Das Interdisziplinäre Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung, kurz IZEA, ist eine Forschungseinrichtung der MLU, die sich mit den Grundlagen der modernen westlichen Gesellschaften durch die im 18. Jahrhundert entwickelten Ideen und Kulturmuster befasst. Dank der herausragenden Forschung, der
Bibliothek, die allein rund 20 000 Originaldrucke des 18. Jahrhunderts beherbergt, sowie der räumlichen Nähe zu wichtigen historischen Schauplätzen der Aufklärung zählt das IZEA heute zu den international wichtigsten Forschungsinstituten zur Aufklärung und ist Anlaufstelle für Forschende aus aller Welt.

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