Große Namen: Sarah Kirsch

28.06.2023 von Jana Kittelmann in Varia, Große Namen
Für ihr Studium an der MLU fing sie einst Mäuse, als Lyrikerin ist Sarah Kirsch (1935-2013) später in Ost wie West bekannt geworden. Ein Jahr, nachdem sie als eine der Ersten die Petition gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann unterzeichnete, verließ sie 1977 die DDR. Zu Halle hatte sie noch lange eine besondere Beziehung.
Sarah Kirsch bei einer Lesung 1963 an der Universität Jena
Sarah Kirsch bei einer Lesung 1963 an der Universität Jena (Foto: Universität Jena)

Zwischen 1954 und 1959 war eine junge Frau an der Universität Halle im Fach Biologie immatrikuliert, die bald darauf zu einer der größten deutschsprachigen Dichterinnen werden sollte. 1935 als Ingrid Bernstein in Limlingerode geboren und in Halberstadt aufgewachsen, wo sie die Luftangriffe auf die Stadt miterlebte, verbrachte die junge Sarah Kirsch (1935–2013) ihre Studienzeit in Halle. Unter anderem in einer 1993 anlässlich der Verleihung des Peter-Huchel-Preises verfassten „Dichterischen Selbstauskunft“ hat Kirsch die an „der alten Salzstraße“ gelegene Saalestadt als zentrale Station beim Übergang in ihr dichterisches Leben skizziert. Zugleich finden sich darin Aussagen zu ihrem Studium an der MLU, das Kirsch als Diplom-Biologin mit „Untersuchungen über Ektoparasiten bei Muriden in und in der Umgebung von Halle“ abschloss. Für die bei Johannes Otto Hüsing, dem langjährigen Direktor des Zoologischen Instituts, verfasste Arbeit hatte Kirsch von Parasiten befallene Mäuse im halleschen Zoo und auf den Feldern der Umgebung gefangen und untersucht.

Zu den wichtigsten Orten ihrer Studienzeit zählte für Kirsch, die ursprünglich nicht studieren, sondern eine Forstlehre absolvieren wollte, allerdings der Botanische Garten, den sie einmal als „meinen Garten“ bezeichnete. Hier fand Kirsch nicht nur einen schattigen Lese- und Arbeitsplatz, wenn ihr wieder einmal die „schöne Stuckdecke“ ihrer nahegelegenen Wohnung auf den Kopf fiel, sondern sie dürfte zudem grundlegende botanische Kenntnisse erlangt haben, die ihr dichterisches Werk konsequent durchziehen. Zur Zuneigung zum Studienfach Biologie gesellte sich schnell die Begeisterung für die Literatur. In einem von dem Schriftsteller Gerhard Wolf geleiteten Literaturzirkel lernte Kirsch andere junge Menschen kennen, die wie sie Gedichte schrieben und für Klopstock, Ewald Christian von Kleist und Rilke schwärmten. Unter ihnen war Rainer Kirsch – in Erzählungen zuweilen „Prins Herzlos“ genannt –, den sie bald darauf heiratete und mit dem sie 1965 den preisgekrönten Gedichtband „Gespräch mit dem Saurier“ publizierte. Ihre Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Halleschen „Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse“ hatte sie da schon längst aufgegeben, um sich ganz der Dichtung widmen zu können. Kirsch lebte bis zu ihrer Scheidung 1968 in Halle.

Durch erfolgreiche Lyrikbände wie „Zaubersprüche“, „Landaufenthalt“, „Erdreich“ „Erlkönigs Tochter“, die reportageartige Interviewsammlung „Die Pantherfrau“ oder die Erzählung „Allerleirauh“ gehörte Kirsch, die 1976 als eine der Ersten die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterzeichnete und mit ihrem aus einer kurzen Beziehung zu Karl Mickel stammenden Sohn Moritz die DDR ein Jahr später verließ, bald zu den meistgelesenen Autorinnen in Ost und West. Obgleich Kirsch nach Stationen in West-Berlin, Rom und Niedersachen seit 1983 im windumtosten Tielenhemme in Schleswig-Holstein lebte, hat sie die frühen Jahre in Halle nie vergessen und pflegte weiterhin Kontakt zu einigen „Hallotris“, wie sie ihre Bekannten aus Halle in ihren Tagebüchern nannte. Immer wieder tauchen darin Erinnerungsspuren an ihre Studienzeit, an Lehrer wie den Ornithologen Rudolf Piechocki oder an ihre Wohnorte auf, von denen einer in der Karl-Liebknecht-Straße lag. In der Zeit des Umbruchs 1989 nahm Kirsch regen Anteil an den Entwicklungen auch in Halle. Sie war zunächst wenig optimistisch, dass ein Neuanfang gelingen könnte, zeigte sich nicht nur empört über das „schäumende Ungeheuer“ Saale, sondern auch über die „Leitung der Uni“, die immer „noch voll mit Stalinisten“ sei.

In einigen im Band „Schwingrasen“ publizierten Prosastücken, die Titel wie „Trost“, „Waldhorn“, „Versteinerte Wälder“ oder „Katzenpfote“ tragen, sind wiederum Kirschs frühe Jahre in Halle Thema. Hier avancieren verschiedene Hallesche Orte und Landschaften zu einer geradezu mythisch aufgeladenen, von Märchenmotiven und phantastischen Sequenzen durchzogenen dichterischen Topographie. Die Ammoniten im Garten des Museums für Vorgeschichte, die „hohen Sandsteinfelsen“ und „tief eingegrabenen Pfade“ der Klausberge, Reichardts „dunkler“ Garten, der vom Klang seiner auf dem Waldhorn spielenden Töchter erfüllt ist, die „vergiftete Saale“ und die Rabeninsel, auf der sich die Ich-Erzählerin, die in einer Truhe ein „Schwanengewand“ versteckt hält, zuweilen wie ein Vogel „flatternd“ niederlässt, sind durchdrungen vom typischen „Sarah-Sound“, den Peter Hacks der Dichterin attestiert hat und der bis heute Leserinnen und Leser in seinen Bann zieht.

Kirschs Werk besticht dabei sowohl durch fortwährende Brisanz als auch verblüffende Aktualität. Ihre seismographische, präzise, klare und zugleich dichterisch anverwandelte Wahrnehmung der Natur, ihre Warnungen vor Umwelt- und Naturkatastrophen, ihre Angst vor der Aggressivität und zerstörerischen Kraft des Menschen künden von einer zärtlichen und unerschütterlichen Liebe zu diesem „beknackten Planeten“ (in einem Brief an Christa Wolf), den sie in und mit ihrem Werk zu behüten und zu schützen suchte.

In einem Gespräch hat Sarah Kirsch einmal formuliert, dass sie eigentlich nie etwas anders wollte als „Leben wie ein Gedicht“. Mit Blick auf ihre sprachlich faszinierenden und betörend schönen Texte, von denen einige motivisch in Halle verwurzelt sind, ist ihr das zweifelsohne gelungen.

 

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Dr. Jana Kittelmann ist Literaturwissenschaftlerin und Mitarbeiterin am Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung der MLU. Anlässlich des 10. Todestages von Sarah Kirsch hat sie gemeinsam mit Prof. Dr. Stephan Pabst und Mike Rottmann im Mai 2023 ein Symposium mit dem Titel „Verwurzelungen. Sarah Kirsch (wieder) lesen“ im Literaturhaus Halle veranstaltet.

Große Namen

Die Geschichte der Universität ist mit vielen bekannten Namen oder großen Ideen verbunden. Nicht immer hat jeder sofort die Fakten parat, die sich dahinter verbergen. Das soll sich an dieser Stelle ändern: Die Rubrik "Große Namen" erinnert an herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Universitätsangehörige aus Halle.

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GermanistikBiologie

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