Der Mann mit der Elefanten-Zahnpasta

In seinem neuen Büro hat sich René Csuk schon häuslich eingerichtet, es ist nicht mehr so geräumig wie das vorige, „aber Südseite, hell und freundlich“, wie er betont. Mit dem Raumwechsel kündigt sich für ihn eine weit größere Veränderung an: René Csuk, seit 1995 Professor für Organische Chemie an der MLU und langjähriger Dekan des Fachbereichs Chemie, geht Ende des Monats in den Ruhestand.
An sein neues Domizil hat er sich nach eigener Auskunft längst gewöhnt, „mehr brauche ich nicht“, sagt er. Überhaupt, so scheint es, möchte der Chemiker, dass um seinen bevorstehenden Ruhestand möglichst wenig Aufhebens gemacht wird.
Csuk geht, wie er in den vergangenen drei Jahrzehnten an der MLU gewirkt hat: ruhig, gelassen und eher bedächtig, denn er scheint generell ein Mann für die leiseren Töne zu sein. Ein Symposium zum Abschied, wie man es ihm im Institut vorgeschlagen hatte? „Nein, das wäre zu viel der Ehre, ich habe mich immer als jemand begriffen, der in Forschung und Lehre seine Pflicht erfüllt, und der das außerdem sehr gerne getan hat“, sagt er und ergänzt: „Was will man mehr?“
Geboren 1958 in Zürich als Sohn österreichischer Eltern, aufgewachsen in der Steiermark, war er nach seinem Studium an der TU Graz zunächst als Assistent an der Universität Zürich tätig. 1989 wechselte er an die Universität Heidelberg. Dem Ruf auf eine C4-Professur nach Halle folgte er 1995. Die Entscheidung fiel damals ganz bewusst für die MLU - und zwar gegen die zur gleichen Zeit erfolgten Zusagen aus München, Hamburg und Bonn. Bei der Entscheidung habe auch eine Rolle gespielt, dass die Berufungszusagen in Halle gut waren und es damals, nur wenige Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung, im Osten noch viel Gestaltungsfreiheit gab. „Am Institut war der Aufbruchswille deutlich zu spüren, auch wenn es stürmische Zeiten waren“, erinnert sich Csuk, „dennoch haben alle mitgezogen, das hat mir sehr gut gefallen.“
Auch in den universitären Gremien übernahm Csuk schnell Verantwortung: Im September 1996, kaum ein Jahr nach seiner Ankunft in Halle, wurde er zum Dekan des Fachbereichs Chemie gewählt, ein Amt, das er bis 2003 innehatte. In diese Zeit fielen viele strukturelle Entscheidungen, die Csuk begleitet hat, darunter die Endphase der Eingliederung der Pädagogischen Hochschule und der TH Merseburg in die MLU. Auch der sogenannte „80-Prozent-Beschluss“ ist ihm wegen der dabei erfolgten Personalkürzungen in Erinnerung geblieben. Schmerzhaft sei das gewesen, nicht zuletzt deshalb ist er froh, „dass ich damals für die betroffenen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gute Job-Alternativen im Öffentlichen Dienst gefunden habe und alle unterbringen konnte.“
Dennoch, es war eine stressige Zeit, in der ihm jedoch sein eigener Biorhythmus zugute kam: „Als Frühaufsteher bin ich morgens um vier Uhr aufgestanden, um alles zu schaffen. Oft war ich schon vor den Reinigungsteams im Büro. Aber ich konnte die Belastung gut wegstecken“, erinnert er sich.
Als Dekan des Fachbereichs Chemie hat René Csuk auch die Renovierung des Instituts-Hauptgebäudes in der Kurt-Mothes-Straße vorangetrieben. Bei seiner Ankunft in Halle war das Gebäude eine Baustelle, die ihn über die Jahre begleitet hat. Der bauliche Zustand hatte übrigens nicht ausschließlich Nachteile. „Anfangs konnten wir im Foyer noch Kunstausstellungen machen“, so Csuk. Heute undenkbar, denn die für die Befestigung von Bilderrahmen erforderlichen Nägel würden den inzwischen neu aufgetragenen Putz beschädigen. Erst vor wenigen Wochen ist das Gebäude nun endlich fertig geworden. „Unsere Labore sind jetzt alle auf dem neuesten Stand“, sagt Csuk und verweist auch auf zahlreiche weitere Investitionen, die für die organische Chemie wichtig gewesen seien, darunter Großgeräte wie ein Kernresonanzspektrometer, das besonders feine Bildgebung zur Aufklärung von Strukturen auf molekularer Ebene ermöglicht.
Den Hallenserinnen und Hallensern dürfte René Csuk vor allem durch die öffentliche Experimentalvorlesung bekannt geworden sein, die er bis vor zwei Jahren anlässlich der Langen Nacht der Wissenschaften angeboten hat und die nun in jüngere Hände übergeben worden ist: Mit explodierenden Wasserstoffballons, Nitroglycerin und der sogenannten Elefantenzahnpasta, bei der Spül- mit Bleichmittel versetzt wird, was zur Entstehung einer fluffigen Masse – der Elefantenzahnpasta – führt, sorgte er mit seinen Doktorandinnen und Doktoranden regelmäßig für übervolle Hörsäle und erstauntes Publikum.
„Wir haben damals mit dieser Veranstaltung eine alte Tradition aus DDR-Zeiten wieder aufgenommen.“ Ein älterer Kollege habe ihn in den 1990er Jahren auf die Reihe der sogenannten „Sonnabendvorlesungen“ aufmerksam gemacht und so bot Csuk das Format ab 1996 im alten Hörsaal in der Mühlpforte wieder an. „Dafür mussten wir kaum Werbung machen; die Veranstaltung war vielen Menschen noch bekannt“, so Csuk, dem es wichtig war und ist, dass sein Fach auch für die Stadtbevölkerung sichtbar wird.
Zur Chemie kam er übrigens bereits in der Schule durch einen Lehrer, mit dem er bis heute Kontakt hat. Als René Csuk 1976 dann zu einem Informationstag an die Uni Graz ging, hatte er das Fach bereits in der engeren Wahl, aber auch Jura oder Mathematik hätten es sein können. Letztlich sei es dem Engagement eines Grazer Chemikers zu verdanken, dass Csuk sich für das Fach einschrieb. „Er gewährte mir eine Extra-Führung und zeigte mir die Labore. Danach stand mein Entschluss fest.“
Bereut hat René Csuk die Wahl nie, vor allem das Spektrum des Fachs habe ihn immer gereizt: „Ich gehöre nicht zu denen, die nur auf einem Gebiet ganz in die Tiefe gehen, aber ich war immer neugierig und habe deshalb die volle Breite der organischen Chemie durchgearbeitet und mich dann spezifischen Themen gewidmet.“ So forschte er zum Beispiel zu Triterpenen, die in der Krebsbekämpfung eine Rolle spielen, genauer zur Frage, wie man die Wirkung dieser Stoffe verstärken kann. Auch ein Repellent gegen den Ameisenbefall von Tomatenpflanzen war Gegenstand seiner Forschung, genauso wie die Inhaltsstoffe des Weihrauchharzes, insbesondere die Boswelliasäuren, die er auf ihre medizinische Wirkung testete. Schade findet er, dass er seine noch zahlreich vorhandenen weiteren Forschungsideen nun nicht mehr umsetzen kann, „aber die jungen nachwachsenden Wissenschaftler müssen auch eine Chance bekommen, sich zu verwirklichen“.
Bisher gehen mehr als 450 Fachpublikationen und 150 wissenschaftliche Poster sowie zwölf Patente und 15 Buchbeiträge auf das Konto von René Csuk. Leistungen, die auch durch Zusammenarbeit mit internationalen Partnern, unter anderem aus dem Oman, Portugal, Brasilien, erzielt wurden. Für seine Forschungen wurde er mehrfach ausgezeichnet, besonders wichtig für ihn: Seit 2018 ist er Fellow of the Royal Society of Chemistry (FRSC) in London, was seinerzeit sogar der Londoner „Times“ eine Erwähnung wert war.
Der Wissenschaft und auch der Uni Halle bleibt Csuk weiterhin erhalten, denn er wird angefangene Master- und Promotionsarbeiten weiter betreuen und auch noch eine Lehrveranstaltung durchführen. Seit Januar 2025 ist er außerdem Editor-in-Chief zweier hochkarätiger chemischer Fachjournale. „Da gehen jährlich etwa 5.000 bis 6.000 Manuskripte über meinen Tisch“, so Csuk, „dadurch bleibt man fachlich auf der Höhe der Zeit und die grauen Zellen haben etwas zu tun.“
In seine österreichische Heimat zieht es ihn übrigens nicht zurück. Schließlich habe er viel länger hier als dort gelebt, ist seit einigen Jahren außerdem deutscher Staatsbürger und überdies mit einer Hallenserin glücklich verheiratet. „Ich will nicht in den Süden und auch nirgendwo anders hin“, sagt Csuk. Einzige Ausnahme: Seit 25 Jahren fährt der Opernfan mindestens einmal im Jahr nach Verona, und urlaubsbedingte Reisen nach nah und fern standen auch schon immer auf dem Programm. Außerdem ist er regelmäßiger Besucher des halleschen Opernhauses. Überhaupt schätzt er nach eigenem Bekunden das kulturelle Angebot in Halle. „Seit den 1990er Jahren sehe ich, wie die Stadt sich entwickelt. Es gibt einfach keinen Grund, nun als Pensionist woanders hinzugehen.“
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