Das gedruckte schwarze Brett der Universität Wittenberg

17.09.2026 von Katrin Löwe in Varia
Sie dokumentieren ein Stück Universitätsgeschichte vor fast 500 Jahren: Die Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt (ULB) hat fünf in Wittenberg im 16. Jahrhundert erschienene Bücher der Reihe „Scriptorum publice propositorum a professoribus in Academia Witebergensi“ jetzt als Dauerleihgabe erhalten. Der Leiter des Sächsischen Landesgymnasiums Sankt Afra zu Meißen übergab sie für Forschungszwecke.
Blick in eines der historischen Bücher - mit der Widmung des einstigen Stifters auf der linken Seite
Blick in eines der historischen Bücher - mit der Widmung des einstigen Stifters auf der linken Seite (Foto: Maike Glöckner)

Die Bücher enthalten Bekanntmachungen, die an der Wittenberger Universität öffentlich ausgehängt wurden – gewissermaßen das gedruckte schwarze Brett dieser Zeit. Dazu gehören zum Beispiel Vorlesungsankündigungen, Rektorats- und Dekanatsbekanntmachungen, Einladungen zu akademischen Feiern, Nachrufe und sogar Gedichte, die anlässlich erfolgreich abgeschlossener Promotionen geschrieben wurden. „Diese Bücher kann man unter tausend verschiedenen Fragestellungen untersuchen“, sagt Dr. Julia Knödler, Abteilungsleiterin Historische Sammlungen der ULB. Sie böten Material für die Personengeschichte und Netzwerkforschung, für Alltags- und Sozialgeschichte und theologische Strömungen ebenso wie für die Literaturwissenschaft. 

Ein Blick in die historischen Drucke: Julia Knödler und Schulleiter Stefan Weih bei der Übergabe der Bücher aus dem 16. Jahrhundert
Ein Blick in die historischen Drucke: Julia Knödler und Schulleiter Stefan Weih bei der Übergabe der Bücher aus dem 16. Jahrhundert (Foto: Maike Glöckner)

Erschienen sind die fünf Bände zwischen 1560 und 1572. Welchen Weg sie in den vergangenen Jahrhunderten genommen haben, ist zumindest in Teilen bekannt. Erste Recherchen an der ULB deuten darauf hin, dass sie dem Physikprofessor Georg Wecker (1566-1633) gehörten, der 1626 auch Rektor der Universität in Wittenberg war. Dessen Enkel stiftete die Bände später wohl Sankt Afra in Meißen, einer 1543 gegründeten Fürstenschule mit einer schnell wachsenden Bibliothek. Die Bestände der Meißener „Bibliotheca Afrana“ gingen im und nach dem Zweiten Weltkrieg verloren oder wurden auf andere Bibliotheken aufgeteilt. Die fünf Wittenberger Bücher kamen gemeinsam mit anderen zunächst an das Pädagogische Institut der damaligen Technischen Hochschule Dresden. Sie seien dort aber nie in die Bibliothek eingegliedert, sondern 1961 dem Grünen Gewölbe, dem Münzkabinett und der Skulpturensammlung Dresden angeboten worden, erinnert sich Prof. Dr. Paul Arnold, damals Mitarbeiter und später langjähriger Direktor des Münzkabinetts der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Der heute 90-Jährige hatte die Bücher in seine Privatbibliothek übernommen, weil sie mangels Interessanten entsorgt werden sollten. Nun schenkte der Dresdner sie Sankt Afra.  

„Inhaltlich gehören die Bücher weniger zu unserer Schule als zur Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg“, sagt Stefan Weih, der Leiter der Internatsschule für Hochbegabte. In der ULB seien zudem die Möglichkeiten der Konservierung und Erforschung besser, deshalb habe man sich in Meißen für die Dauerleihgabe entschieden. Bislang besaß die ULB selbst lediglich einen Band der damaligen Wittenberger Reihe, den ersten. Die Leihgaben aus Sachsen – Band eins und vier bis sieben – sollen nun wissenschaftlich erschlossen und auch digitalisiert werden, kündigt ULB-Leiterin Anke Berghaus-Sprengel an. Die Reihe „Scriptorum publice propositorum a professoribus in Academia Witebergensi“ hatte insgesamt sieben Bände, eine Vorgängerreihe noch einmal vier.

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