Gestalter des Dialogs – Zum Tod von Thomas Hauschild

18.05.2026 von Prof. Dr. Asta Vonderau, Prof. Dr. Anita von Poser, Prof. Dr. Olaf Zenker in Personalia
Der Ethnologe Prof. Dr. Thomas Hauschild ist am 5. Mai im Alter von 70 Jahren verstorben. Er arbeitete vor allem zu Religion, Ritual, Magie und politischer Symbolik und meldete sich stets auch in gesellschaftlichen Debatten zu Wort. Acht Jahre lang hatte Hauschild eine Professur an der MLU inne, erst im vergangenen November besuchte er noch einmal das Seminar für Ethnologie. Ein Nachruf von Prof. Dr. Asta Vonderau, Prof. Dr. Anita von Poser und Prof. Dr. Olaf Zenker.
Thomas Hauschild war Professor an der MLU und hatte im Anschluss an der Universität Münster eine Gastprofessur im Exzellenzcluster "Religion und Politik" inne.
Thomas Hauschild war Professor an der MLU und hatte im Anschluss an der Universität Münster eine Gastprofessur im Exzellenzcluster "Religion und Politik" inne. (Foto: Exzellenzcluster "Religion und Politik" der Universität Münster / Martin Zaune)

Mit großer Trauer erreichte uns die Nachricht, dass unser Kollege Professor emeritus Thomas Hauschild am 5. Mai 2026 verstorben ist.

Thomas Hauschild, geboren 1955 in Berlin, studierte Völkerkunde, Volkskunde und Religionswissenschaft an der Universität Hamburg, wo er 1979 promoviert wurde. Nach seiner Habilitation an der Universität zu Köln im Jahr 1990 wurde er bereits 1992 im Alter von nur 37 Jahren Professor für Ethnologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Von 2008 bis 2016 hatte er eine Professur am Seminar für Ethnologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg inne.

Mit seinen Arbeiten zu Religion, Ritual, Magie und politischer Symbolik erlangte Thomas Hauschild weit über die Grenzen seines Fachs hinaus große Anerkennung. Besonders seine langjährigen Forschungen in Süditalien fanden breite Beachtung und mündeten in sein vielbeachtetes Werk „Macht und Magie in Italien“ (2002), in dem er eindrucksvoll zeigte, wie eng Glaubensvorstellungen, soziale Ordnung und politische Macht miteinander verwoben sind. Bereits früh hatte er sich mit Fragen von Magie und kultureller Wahrnehmung beschäftigt, etwa in seiner Studie „Der böse Blick“ (1982), die bis heute als wichtiger Beitrag zur europäischen Religionsethnologie gilt. Seine ethnologischen Analysen zeichneten sich durch eine seltene Verbindung von theoretischer Schärfe, historischer Präzision und literarischer Anschaulichkeit aus. Hauschild verstand Ethnologie nie als bloße Beschreibung kultureller Unterschiede, sondern als eine Wissenschaft, die gesellschaftliche Wirklichkeiten in ihrer Widersprüchlichkeit sichtbar machen sollte. Dabei interessierten ihn insbesondere jene Bereiche menschlichen Zusammenlebens, in denen sich Rationalität und Mythos, Ordnung und Ausnahme, Alltag und Symbolik überschneiden.

Über die akademische Fachwelt hinaus suchte Thomas Hauschild stets auch die öffentliche Auseinandersetzung. Er verstand Wissenschaft als Teil gesellschaftlicher Debatten und meldete sich regelmäßig mit pointierten Beiträgen zu Fragen von Religion, Politik, kultureller Identität und gesellschaftlichem Wandel zu Wort. Mit großer sprachlicher Klarheit und intellektueller Unabhängigkeit widersetzte er sich vereinfachenden Deutungen und verteidigte die Bedeutung ethnologischer Perspektiven für das Verständnis moderner Gesellschaften. Seine Texte und Vorträge zeichneten sich durch die Fähigkeit aus, komplexe kulturelle und politische Zusammenhänge für ein breiteres Publikum zugänglich zu machen, ohne dabei an analytischer Tiefe zu verlieren. Damit war er nicht nur ein bedeutender Wissenschaftler, sondern auch ein engagierter öffentlicher Intellektueller, der den Dialog zwischen Universität und Gesellschaft nicht nur suchte, sondern aktiv mitgestaltete. Dies zeigte sich auch in seiner Mitbegründung der „Zeitschrift für Kulturwissenschaften“, die den interdisziplinären Austausch zwischen Ethnologie, Geschichte und Kulturtheorie entscheidend förderte.

Darüber hinaus leistete er wichtige Beiträge zur kritischen Auseinandersetzung mit den ideologischen Verstrickungen der Ethnologie während des Nationalsozialismus. Mit dem von ihm herausgegebenen Band „Lebenslust und Fremdenfurcht: Ethnologie im Dritten Reich“ (1995) gehörte er zu den Wissenschaftlern, die früh und mit Nachdruck darauf hinwiesen, dass die Geschichte des eigenen Fachs nicht losgelöst von politischen Machtverhältnissen betrachtet werden kann. Mit seinem breiten akademischen Horizont und seiner außergewöhnlichen Neugier verband er unterschiedliche ethnologische Fachtraditionen in Deutschland mit kulturwissenschaftlichen, historischen und philosophischen Perspektiven. Gastprofessuren und Fellowships unter anderem in Rom, Princeton und am Wissenschaftskolleg zu Berlin zeugen von seiner internationalen wissenschaftlichen Ausstrahlung. Damit prägte er kultur- und sozialwissenschaftliche Debatten weit über die Ethnologie hinaus.

Zugleich blieb Thomas Hauschild stets ein Gelehrter, der den persönlichen Austausch suchte und die Bedeutung gemeinsamer intellektueller Arbeit hervorhob. Viele Kolleginnen und Kollegen erinnern sich an intensive Gespräche, an spontane Diskussionen nach Vorträgen oder an gemeinsame Seminare, in denen er mit großer Aufmerksamkeit auf die Gedanken anderer einging. Er verfügte über die seltene Gabe, kritische Fragen zu stellen, ohne jemals belehrend zu wirken. Gerade jüngere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erfuhren durch ihn Ermutigung, eigene Wege zu gehen und wissenschaftliche Konventionen produktiv zu hinterfragen. Seine Offenheit gegenüber neuen theoretischen Ansätzen und seine Bereitschaft, unterschiedliche Perspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen, machten ihn zu einer prägenden Figur des akademischen Lebens. Auch außerhalb der Universität suchte er den Austausch mit Kunst und Öffentlichkeit, etwa in Projekten zur Theateranthropologie und in der Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Christoph Schlingensief.

Thomas Hauschild war ein begeisternder Mentor und akademischer Lehrer. Seine Lehrveranstaltungen waren geprägt von intellektueller Offenheit, erzählerischer Kraft und einer seltenen Fähigkeit, komplexe theoretische Fragen anschaulich und gegenwartsnah zu vermitteln. Viele Studierende erinnern sich an Seminare, die weniger klassischen Vorlesungen glichen als lebendigen gemeinsamen Denkbewegungen. Er ermutigte dazu, Gewissheiten infrage zu stellen, aufmerksam zu beobachten und wissenschaftliche Arbeit immer auch als persönliche Haltung zur Welt zu begreifen. Nicht zuletzt seine Vorträge zur „Unvermeidbarkeit von Religion“ im Rahmen der Hans-Blumenberg-Gastprofessur an der Universität Münster machten deutlich, wie sehr ihn die Frage beschäftigte, welche Bedeutung religiöse und symbolische Ordnungen auch in modernen Gesellschaften behalten.

Auch als Kollege war Thomas Hauschild ein inspirierender Gesprächspartner, dessen Urteil geschätzt wurde. Seine pointierten Beobachtungen, sein Humor und seine bis zuletzt ungebrochene Neugier machten Begegnungen mit ihm unvergesslich. Noch im November vergangenen Jahres besuchte er das Seminar für Ethnologie und die Stadt Halle. Viele erinnerten sich dabei an seine große Verbundenheit mit dem Institut und an die Wärme und Aufmerksamkeit, mit der er Menschen begegnete.

Mit Thomas Hauschild verliert die Ethnologie einen herausragenden Wissenschaftler, einen brillanten Erzähler und einen unerschrockenen Denker. Seine Arbeiten werden weit über seinen Tod hinaus gelesen werden. Vor allem aber bleibt die Erinnerung an einen Gelehrten, der Wissenschaft mit Leidenschaft betrieb und dessen Denken und Persönlichkeit viele Menschen nachhaltig geprägt haben.

Unsere Gedanken sind bei seiner Familie, seinem Freundeskreis, seinen Weggefährtinnen und Wegfährten sowie allen, die ihm verbunden waren.

***
Die Autor*innen haben aktuell Professuren am Seminar für Ethnologie inne. Prof. Dr. Asta Vonderau ist seit August 2018 Professorin für Ethnologie und kulturvergleichende Soziologie, Prof. Dr. Olaf Zenker seit Februar 2019 Professor für Ethnologie und Prof. Dr. Anita von Poser seit Oktober 2022 Professorin für Ethnologie an der MLU.

Kategorien

Personalia

Schlagwörter

NachrufEthnologie

Kommentar schreiben

Auf unserer Webseite werden Cookies gemäß unserer Datenschutzerklärung verwendet. Wenn Sie weiter auf diesen Seiten surfen, erklären Sie sich damit einverstanden. Einverstanden