„Der Zugang zum Gymnasium bleibt für Geflüchtete schwer“

10.04.2026 von Matthias Münch in Wissenschaft, Forschung
Seit 2018 hat sich die Bildungssituation junger Geflüchteter in Deutschland deutlich gewandelt: Mittlerweile erlangen mehr Jugendliche einen Schulabschluss und absolvieren eine Ausbildung. Allerdings ist die Abiturquote von Geflüchteten nicht gestiegen und manche Fördermaßnahmen entpuppen sich sogar als Hindernis. Der Soziologe PD Dr. Oliver Winkler hat fünf Jahre lang an der MLU zur Bildung von Geflüchteten geforscht. Im Interview zieht er Bilanz.
Oliver Winkler
Oliver Winkler (Foto: Iris Meyer)

Herr Winkler, Sie haben intensiv zu den Bildungschancen junger Geflüchteter in Deutschland geforscht. Wie ist die Situation aktuell?
Oliver Winkler: Die Situation ist ambivalent. Positiv ist, dass wir in den letzten Jahren eine Verbesserung der schulischen Leistungen, vor allem in Mathematik, und der Zahl der Schulabschlüsse bei Geflüchteten sehen. 2018 hatten fast 40 Prozent der ausbildungsinteressierten Geflüchteten keinen Abschluss, sechs Jahre später waren es nur noch zehn Prozent. Im gleichen Zeitraum hat sich der Anteil von Geflüchteten mit Realschulabschluss mehr als verdoppelt. Allerdings haben diese Verbesserungen nicht auf allen Qualifikationsebenen stattgefunden: Der Zugang zum Gymnasium bleibt für junge Geflüchtete weiterhin schwer, die Abiturquote ist von 2018 bis 2024 nicht gestiegen. Zudem sehen wir, dass die schulischen Leistungen immer noch deutlich geringer sind als die von gleichaltrigen Nichtgeflüchteten, sowohl in der Grundschule als auch in der Sekundarstufe.

Woran liegt das?
Hier kommen viele Faktoren zusammen. Zum einen sind die teilweise sehr schwerwiegenden Fluchterfahrungen und die Konfrontation mit unbekannten Bedingungen im Zielland Deutschland generell keine guten Startvoraussetzungen. Die Familien können ihren Kindern oft nur begrenzt helfen: Die Eltern verfügen in der Regel über wenig Möglichkeiten und Ressourcen, ihre Kinder auf deren Bildungsweg in Deutschland zu unterstützen. Eine weitere Bildungshürde ist die rechtliche Unsicherheit: Geflüchtete mit befristetem Aufenthaltstitel haben durchschnittlich schlechtere Deutschkenntnisse. Das Abschieberisiko senkt vermutlich die Motivation, in Bildung zu investieren. Generell ist Deutsch der Dreh- und Angelpunkt: Wer nicht gut Deutsch spricht, hat oft größere Probleme in der Schule – und zwar in allen Fächern, auch in Mathematik und Naturwissenschaften.

Was tut die Politik, um diese Hürden zu überwinden?
Der politische Wille zur Verbesserung der Bildungssituation von Geflüchteten ist erkennbar. Es gibt Förderprogramme, allerdings mit unterschiedlichem Erfolg. Was laut Studienlage gut funktioniert, sind berufsbezogene Sprach- und Integrationskurse für Erwachsene, die insbesondere den Übergang in eine Ausbildung erleichtern. Weniger bewährt haben sich sogenannte Neuzuwanderer- oder Willkommensklassen für Schulpflichtige, in denen Geflüchtete mit unzureichenden Deutschkenntnissen auf den regulären Schulunterricht vorbereitet werden sollen. Unsere Daten zeigen, dass diese Klassen wenig geeignet sind, Bildungsrückstände aufzuholen. Teilweise erschweren sie sogar den Übergang zu höheren Schulformen. Zielführender wäre es aus unserer Sicht, junge Geflüchtete so schnell wie möglich mit deutschsprachigen Gleichaltrigen zusammenzubringen. Das klappt aufgrund unseres föderalen Bildungssystems leider nicht in allen Bundesländern gleich gut.

Das heißt, die Chancen für Geflüchtete sind auch von der Region abhängig, in die sie kommen?
Das ist tatsächlich so. Wir haben 16 Bundesländer und damit 16 Schulsysteme mit eigenen Regeln zur Einschulung und Sprachförderung. Das führt zu regional unterschiedlichen Bildungschancen, wie wir selbst in einer Studie zeigen konnten. Beispielsweise werden Flüchtlingskinder in vielen Bundesländern erst dann eingeschult, wenn ihre Familie einer Kommune zugewiesen wurde. Dadurch warten sie oft deutlich länger als ein halbes Jahr auf ihre Einschulung und haben in dieser Zeit keinen Kontakt zu deutschsprachigen Kindern. Diesen Rückstand holen sie selbst nach Jahren nicht auf. Hinzu kommen unterschiedliche Regeln bei der Empfehlung für weiterführende Schulen am Ende der Grundschulzeit. Obwohl diese Empfehlungen nicht überall bindend sind, sehen sich Flüchtlingsfamilien eher daran gebunden als deutsche. Außerdem sind die Chancen auf einen Ausbildungsplatz in strukturschwachen Regionen ungleich geringer als in wohlhabenden. Junge Geflüchtete konkurrieren hier auf einem begrenzten Markt mit Deutschen, sind rechtlich an ihren Wohnort gebunden und haben kaum Ressourcen zu pendeln.

Wie sind Sie zu diesen Ergebnissen gekommen? 
Für unsere Forschung haben wir sehr unterschiedliche Daten miteinander verglichen und konnten so für einzelne Studien Angaben von bis zu 100.000 Schülerinnen und Schülern auswerten. Dazu gehören zum Beispiel die Ländervergleichsstudien des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen. Außerdem gibt es seit einigen Jahren auch bundesweite Erhebungen, die repräsentative Daten zur Situation geflüchteter Familien erheben. Auch die regionale Geflüchtetenstudie ReGES (Refugees in the German Educational System) des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe und qualitative Interviews haben wir genutzt.

Werden Ihre Forschungsergebnisse in der Politik berücksichtigt?
Unsere Ergebnisse finden durchaus Eingang in politische Entscheidungen, wobei man sich klarmachen muss, dass kurzfristige Verbesserungen schwer zu realisieren sind. Unsere Kritik an den Willkommensklassen beispielsweise, die auch von anderen Akteuren aus der Forschung, aus Bildungseinrichtungen und Verbänden geteilt wurde, ist von der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz aufgenommen worden: Sie hat die Empfehlung ausgesprochen, die Verweildauer in solchen Klassen so kurz wie möglich zu halten und in der Grundschule ganz darauf zu verzichten. In einigen Bundesländern wurden inzwischen auch die Rahmenbedingungen in diesen Klassen verändert. 

Seit 2021 leiten Sie die vom Bund geförderte Nachwuchsforschungsgruppe „Bildungsintegration von Kindern und Jugendlichen mit Fluchthintergrund in Deutschland“. Vorher waren Sie als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Wie war der Wechsel in eine Führungsposition?
Für mich war es neues Terrain und entsprechend aufregend. Die MLU hat mir geholfen, in diese Rolle hineinzuwachsen: Kolleginnen und Kollegen des Instituts für Soziologie haben das Projekt sehr unterstützt, vor allem Prof. Dr. Reinhold Sackmann, der mein Mentor war. Ich konnte an Weiterbildungen und Coachings teilnehmen, aber auch die Drittmittelbewirtschaftung hat mir viele Arbeiten jenseits der eigentlichen Forschungsaufgaben abgenommen. Vor allem aber bin ich dankbar dafür, dass ich ein Team hervorragender Nachwuchswissenschaftlerinnen leiten durfte. Ich habe eine Postdoktorandin und zwei Doktorandinnen betreut, die bald ihre Promotionen verteidigen werden. Fünf Jahre sind ein vergleichsweise langer Förderzeitraum – dass es in dieser Zeit keine personellen Wechsel gab, zeigt, dass die Chemie einfach gestimmt hat.

Im April ist die Arbeit der Nachwuchsforschungsgruppe offiziell abgeschlossen. Wie geht es für Sie weiter?
Ich wechsle an das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe nach Bamberg. Hier werde ich an der Evaluation des Startchancen-Programms mitarbeiten. Das ist ein Förderprogramm des Bundes, an dem 4.000 sogenannte Brennpunktschulen mit einem hohen Anteil an Schülern mit Migrations- und Fluchthintergrund teilnehmen. Bis 2034 werden 20 Milliarden Euro bereitgestellt, um Schulen auszubauen, Lernumgebungen zu verbessern, mehr Personal einzustellen und besser zu qualifizieren. In das Programm fließt eine Menge Geld, deshalb ist eine gründliche Analyse der Effekte wichtig für künftige Struktur- und Fördermaßnahmen. Der MLU werde ich weiterhin verbunden bleiben: Als habilitierter Privatdozent werde ich Lehrveranstaltungen halten und, wenn es sich ergibt, auch Promotionen betreuen. 

Zur Person

Oliver Winkler forscht und lehrt seit 2010 am Institut für Soziologie der MLU. 2016 wurde er hier mit einer Arbeit zu sozialer Ungleichheit promoviert. Seit 2021 leitet er die Nachwuchsforschungsgruppe „Educational Integration of Refugee Children and Youth in Germany“ (EDIREG), die vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit rund 1,6 Millionen Euro gefördert wurde. 2024 habilitierte er sich ebenfalls an Universität Halle.

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SoziologieBildung

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