Zensus: „Zahlen sind nicht neutral“

Was ist besser geeignet, um festzustellen, wie viele Menschen in einer Stadt leben: Das Melderegister oder der Zensus?
Walter Bartl: Man kann nicht einfach sagen, dass das eine Verfahren grundsätzlich besser ist als das andere. In Deutschland gelten die Melderegister normalerweise als sehr zuverlässig, weil An- und Abmeldungen eng mit Verwaltungsprozessen verknüpft sind. Gleichzeitig wissen wir aber, dass es dort Übererfassungen geben kann, etwa durch nicht gemeldete Wegzüge ins Ausland, ins Pflegeheim oder Todesfälle. Der registergestützte Zensus setzt genau hier an, indem er die Meldedaten aller zehn Jahre mithilfe großer Stichproben überprüft und statistisch korrigiert. Er ist also kein direktes Nachzählen aller Menschen, sondern ein Schätzverfahren, das auf dem Gesetz der großen Zahl basiert: Je häufiger man zieht, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Schätzung zutrifft. Damit soll die Qualität der Register verbessert werden. Verlässliche Bevölkerungszahlen entstehen letztlich aus diesem Zusammenspiel von Registern und Stichproben.
Warum sind solche Abweichungen wie beim Zensus 2022 in Halle möglich?
Untererfassungen können bei Stichproben wie dem Zensus vorkommen, die Differenz zwischen Melderegister und Zensusergebnis in Halle mit rund 16.000 fehlenden Personen ist jedoch ungewöhnlich hoch. Ohne hier spekulieren zu wollen, lohnt sich ein Blick auf das Erhebungsverfahren: Dieses sah vor, dass zufällig ausgewählte Haushalte zunächst durch Interviewerinnen und Interviewer aufgesucht wurden, um die Existenz der dort gemeldeten Personen zu prüfen - anhand von Name, Vorname, Geburtsdatum und Geschlecht. Anschließend wurden diese Haushalte in der Regel online (73 Prozent), schriftlich oder persönlich von Erhebungsbeauftragten nach weiteren Merkmalen befragt. Eine Untererfassung kann entstehen, wenn Haushalte weder postalisch noch vor Ort erreicht werden, Termine scheitern oder Angaben nicht gemacht werden. Mögliche Gründe dafür können sein: Sprachprobleme, Misstrauen, fehlende Namensschilder, besondere Namensformen, häufige Umzüge oder eingeschränkter Internetzugang. Solche Effekte treten vor allem in sozial benachteiligten Gruppen und bei Menschen mit Migrationshintergrund auf. Dass das Verfahren methodisch grundsätzlich fehlerhaft wäre, kann man jedoch nicht sagen. Erhebungsbetrug durch die freiwilligen Helfer halte ich für sehr unwahrscheinlich. Es wäre jedoch nützlich, wenn die Zensusunterlagen etwas länger aufbewahrt werden würden, damit möglich Fehler genauer geprüft werden könnten.
Was bedeutet das für Kommunen bundesweit, Halle ist ja nicht die einzige betroffene Stadt?
Der Zensus ist ein zentrales Instrument staatlicher Informationsbeschaffung und Steuerung. Indem Menschen gezählt und in Kategorien eingeordnet werden, wird Gesellschaft überhaupt erst sichtbar und planbar. An dem Beispiel Halle zeigt sich, wie folgenreich Zensuszahlen sind. Sie beeinflussen zum Beispiel die Finanzzuweisungen, die sich unter anderem nach der Höhe der Einwohner richtet. In Halle droht ein Verlust von rund 11 Millionen Euro pro Jahr an Landesmitteln – das ist viel Geld für den kommunalen Haushalt. Zudem werden Zensusdaten für die Planung kommunaler Infrastruktur genutzt: Schulen, ÖPNV oder Pflegeeinrichtungen zum Beispiel. Liegen diese zu niedrig, könnten Kapazitätsbedarfe falsch eingeschätzt werden. Zahlen sind also nicht neutral, weil sie durch ihre Erhebungsmethoden bedingt werden. Gleichzeitig stehen amtliche Zahlen für ein Höchstmaß an Objektivität: Sie strukturieren Handlungsspielräume der Städte und beeinflussen nicht nur Ressourcenverteilung und Planung, sondern auch das Image einer Stadt im Vergleich zu anderen Kommunen. Dieses Spannungsverhältnis lässt sich nicht auflösen.
Gibt es aus Ihrer Sicht bessere Methoden zur Erhebung des Zensus?
In den meisten Ländern ist der Zensus eine Vollerhebung: Alle Haushalte werden befragt, um die Bevölkerung möglichst vollständig zu erfassen. Diese Methode ist wahnsinnig kostspielig und auch nicht frei von Fehlern. Der nächste Zensus in Deutschland im Jahr 2031 soll vollständig registerbasiert ablaufen, wobei Informationen aus verschiedenen Behörden zunächst über die Steuer-ID zusammengeführt und anschließend anonymisiert werden. Deutschland verfolgt besonders hohe Datenschutzstandards. Die Qualität der Zahlen hängt zudem von der digitalen Modernisierung der Register ab: Je besser die Register kommunizieren und aktuelle Daten liefern, desto zuverlässiger werden die Zensuszahlen.
Publikation zum Thema
Dr. Walter Bartl ist Mitherausgeber des Sammelbands „The Global Politics of Census Taking“. In dreizehn Beiträgen untersuchen die Autorinnen und Autoren anhand von Fallstudien Volkszählungen in mehreren Ländern. Die Themen reichen von Erhebungsmethoden und der Auswahl statistischer Kategorien bis hin zu deren Auswirkungen auf staatliche Steuerung, Ressourcenverteilung und gesellschaftliche Ungleichheiten.
Walter Bartl, Christian Suter, Alberto Veira Ramos (Hg.): The Global Politics of Census Taking - Quantifying Populations, Institutional Autonomy, Innovation. London 2024, 360 Seiten, 190 Euro ISBN: 978-1-03219-546-9, online: Open Access, ISBN: 978-1-00325-974-9
